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Sonntag, 19. November 2017

Tag 8 – Unter Einheimischen

Landestypische Attraktionen zu besichtigen, mag wertvoller Bestandteil einer Reise sein. Mir erscheint es jedoch mindestens genauso wertvoll - wenn auch schwieriger umsetzbar - am landestypischen Leben teilzuhaben. Wie lebt man in Portugal? Wie und wo geht man zur Schule / studiert man / arbeitet man? Wie verbringt man seine Freizeit? Es ist eine Sache – und keine schlechte – sich mit Menschen aller Herren Länder vor den Sehenswürdigkeiten zu tummeln, eine ganz andere Sache ist es, sich unter die Einheimischen zu mischen.

An diesem Tag lagen etwa 200 km bis zur nördlichen Grenze des Nationalparks vor uns und die Erzbischofsstadt Braga bot sich als Zwischenstopp an. Und ohne, dass wir damit gerechnet hatten, fanden wir uns mitten in der Stadt plötzlich inmitten von Portugiesen wieder. Ich war begeistert!

Ein Samstagnachmittag im Spätsommer, die Straßen waren belebt, junge Erwachsene und Familien mit Kindern waren ebenso unterwegs wie Jugendliche und ältere Menschen. Die einen rannten und spielten, die anderen saßen auf Bänken und unterhielten sich, wieder andere gingen beschäftigt ihren Besorgungen nach. Jeder von ihnen schien die Zeit auf seine Weise und für sich zu nutzen und es zu genießen, dies im Beisein anderer Menschen zu tun, so wie ich es von mir selber nur allzu gut kenne.

Wir sahen uns also zunächst Kathedrale, Castelo und ein bis zwei Kirchen an und saßen dann eine ganze Weile auf dem gut gefüllten Praça da República, aßen Eis und beobachteten das Treiben um uns herum. Die drei Bilder der Collage versuchen, das Erleben einzufangen.

Freitag, 17. November 2017

Tag 7 - Big Waves in Nazaré

Nachdem wir als einzige Parkplatzbesucher zurückblieben, verlief die Nacht ruhig. Das Frühstück unter freiem Himmel lassen wir uns trotz Nebelschleier nicht nehmen. Im Anschluss fahren wir nach Nazaré und besichtigen den Leuchtturm bzw. die ehemalige Festungsanlage der Fischerstadt. In einer Ausstellung werden den Besuchern die Geschichte der Stadt und des Forts sowie die geologischen Hintergründe der berühmten „Big Waves“ nahegebracht. Die Erläuterungen zum Nazaré Canyon, einem bis zu 5 km tiefen und 230 km langen Tiefseegraben, finde ich besonders spannend. Der Canyon ist der Grund dafür, dass sich bei passenden Wetterbedingungen massive Riesenwellen bilden, die vom Wind Richtung Land gedrückt und vom Mensch für sportliche Höchstleistungen genutzt werden. Auf den Bildern und Videos der Ausstellung wirkt das Meer so mächtig und unantastbar, dass ich mir bewusst bewusst machen muss, dass der moderne Mensch auch dieses Ökosystem nicht wie ein Gentleman behandelt.

Der Himmel klart auf und wir entscheiden, am südlichen Strandabschnitt einen Badeversuch zu starten. Durch eine Einbuchtung geschützt treffen hier weniger hohe Wellen an und die letzte Dusche liegt nun drei Tage zurück. Die Badefreude ist von kurzer Dauer: Die Wellen erscheinen zwar harmlos, taugen aber doch nur für einen Spülgang und zwei Kilo Sand im Badeanzug.

In den Abend hinein fahren wir weiter bis zum Praia do Poço da Cruz und wählen eine einsame Ecke des großen Parkplatzes [40.490107° Nord, -8.790052° Ost]. Wir erklimmen die Dünen, erhaschen noch einen Blick auf eine Gruppe von Surfern, die der einbrechenden Dunkelheit trotzend im Wasser ihr Unwesen treiben, kochen uns Nudeln mit Tomatensoße und lassen den Tag zu Ende gehen.


Das Foto des Tages zeigt die Surfboards einiger „Big Wave Legenden“ als Teil der Ausstellung im Fort São Miguel Acanjo.

Sonntag, 12. November 2017

Tag 6 - Mysteriöse Parkplatzbesucher

Die erste Nacht im Bus ist noch ungewohnt. Wir sind beide spät zur Ruhe gekommen und lassen den Morgen gemächlich angehen. Nach dem Frühstück verlassen wir den Platz an der Steilküste. Genaue Pläne für die Route haben wir nicht – der grobe Plan lautet, gegen Ende der Woche den Nationalpark im Norden des Landes zu erreichen. An den Surferstränden von Ericeira machen wir Halt. Die Kleinstadt konnten wir am Abend zuvor schon hell erleuchtet am Horizont erkennen. Nun scheint die Sonne und die Wellen scheinen Freude daran zu haben, die im Vergleich winzig erscheinenden Gestalten auf ihnen in Richtung Strand zu befördern. David gegen Goliath? Der weitere Streckenverlauf führt uns über die Stadt Torre Vedras, wo wir Reste der Festungsanlage, die mittelalterliche Burganlage und den historischen Ortskern besichtigen.

Am Praia do Salgado schlagen wir nach insgesamt etwa 130 km Fahrt unser zweites Nachtquartier auf. Ein Kleinwagen, der den Parkplatz zu später Stunde anfährt und erst nach ein bis zwei Stunden wieder verlässt, ohne dass jemand das Auto verlassen hat, gibt uns Rätsel auf. Zwischenzeitlich kamen ein weiterer Wagen und ein Motorroller dazu, jeweils mit kurzem Aufenthalt. Wir sinnieren über die Gründe, denken uns Schauergeschichten aus und können dank akuter Müdigkeit dennoch einschlafen. [39.546858° Nord, -9.110377° Ost] – vielleicht ja die Koordinaten des geheimen Treffpunkts portugiesischer Mafiosi in der Nacht des 12. Oktober 2017 …?

Das Foto des Tages zeigt den Innenhof einer Kirche in Torre Vedras, dessen Wände mit Azulejos versehen sind. Die glasierten, bemalten Kacheln, ein Wahrzeichen Portugals, finden sich auch an vielen Häusern, entzücken die Touristen und schützen die Bewohner vor Hitze und Feuchtigkeit.

Donnerstag, 9. November 2017

Tag 5 - Der Roadtrip beginnt

Heute läuft alles wie (schon für gestern) geplant. Gegen Mittag wird uns in einer Werkstatt in Alcabideche am nördlichen Ende des Parque Natural de Sintra-Cascais unser Heim für die nächsten acht Tage übergeben: Azul, “der Blaue”, ein VW T3, Bj. 1986. Die Einweisung folgt sofort: “Hier sind die Schlüssel, hier sitzt die Bordbatterie – Kühlschrank, Sitzbank, Wassertank, Ölstand, Wandschrank – die Fahrzeugpapiere: bitte nicht verlieren, die Ersatzsicherungen: müssten funktionieren – Solardusche, Badmintonschläger, Nähset, Hochbett, Tische für drinnen und draußen, etc. etc. – dieses Fahrzeug ist mindestens so gut ausgestattet wie eine sorgfältig eingerichtete Ferienwohnung. In gefühlt 5 Minuten werden uns gefühlt 500 Dinge gezeigt und erklärt, von denen uns die eine Hälfte extrem wichtig und die andere Hälfte extrem unwichtig erscheint. Von jeder Hälfte können wir uns ca. ein Drittel merken und vertrauen darauf, dass wir alles unverständlich Wichtige irgendwie auch alleine (raus-) finden werden.

Noch eine Unterschrift: ab jetzt tragen wir die Verantwortung. L. übernimmt das Steuer, ich die Navigation, Azul sorgt für den Antrieb. Um in dieser Konstellation warm zu werden, fahren wir zum nächstgelegenen Supermarkt und, nachdem alle Grundbedürfnisse gedeckt sind, noch etwa 50 km bis Praia da Vigia. Den Parkplatz an der Steilküste werden wir mit Einbruch der Dunkelheit für uns alleine haben. Zuvor wagen wir noch den Abstieg und werden mit einem Spaziergang am Strand entlohnt, den wir uns mit nicht mehr und nicht weniger als einer Horde Möwen teilen müssen. Der Sonnenuntergang im Anschluss und ein erstes festliches Abendmahl tun ihr Übrigens, um uns den Start ins Camping-Dasein in vollen Zügen genießen zu lassen.


Das erste Bild des Tages beweist, dass ich es mit der Einsamkeit am Strand nicht übertrieben habe. Das zweite Bild zeigt Azul an unserem ersten Übernachtungsstandort mit den Koordinaten [38.9163821° Nord, -9.4258337° Ost]. Der geneigte Leser darf diese Angabe gerne nutzen, um sich den Standort auf Google Maps von oben anzusehen.

Montag, 30. Oktober 2017

Tag 3 - Wir erobern die Stadt der Eroberer

Mit der Tram fahren wir ins Viertel Belém und bestaunen das Denkmal der Entdeckungen und den Torre de Belém. Die Wahrzeichen erinnern an die Seefahrer, die im 15. und 16. Jhd. ihr Leben riskierten, um die Meere zu überqueren und Portugal durch Importe z. B. den europäischen Gewürzhandel dominieren ließen. Der Zutritt zum Hieronymuskloster, das durch die 5 % Steuer auf eingeführte Gewürze finanziert wurde, bleibt uns leider ohne ersichtlichen Grund verwehrt. Wir begutachten die Anlage von außen und steuern dann die Pasteleria de Belem an, um uns bei Puddingtörtchen und Kaffee eine Pause zu gönnen. "Abatanado" lautet das portugiesische Zauberwort für das, was man in Deutschland unter einer Tasse Kaffee versteht - hier klappt die Verständigung. Dies war beim Ticketkauf scheinbar nicht ganz der Fall: Auf der Rückfahrt mit dem Bus bestätigt sich die Vermutung, dass uns vormittags am Schalter nicht das gewünschte Tagesticket ausgehändigt wurde. In einem Mix aus Englisch, Portugiesisch und Zeichensprache überzeugen wir den Busfahrer von unserer Unschuld und dürfen trotzdem mitfahren. Den Nachmittag verbringen wir auf dem Gelände der LXFactory. Die ehemalige Textilfabrik direkt unter der Golden Gate Bridge - pardon, ich meine natürlich der Ponte 25 de Abril - beherbergt als "Insel der Kreativität" mittlerweile Werbeagenturen, Design- und Fotostudios, Restaurants und Bars und kleine Geschäfte. Ausklingen lassen wir den Tag, die Lichter der Stadt überblickend, auf der Terrasse des Teatro do Garagem in "unserem" Viertel Alfama.


Die 1.000 Zeichen-Grenze habe ich in diesem Beitrag um fast 50 % überschritten und für ein Foto des Tages kann ich mich auch nicht entscheiden. Daher übergehe ich die selbst auferlegten Auflagen heute voller Konsequenz und zeige zum Text in Überlänge gleich sechs Bilder in Form zweier Collagen. Die oberen sind am Ufer des Tejo, die unteren in der LXFactory aufgenommen.

Donnerstag, 26. Oktober 2017

Tag 2 - Die Stadt kennenlernen

Aber erst nach dem Ausschlafen. Gegen 10 Uhr starten wir in den Tag. Erstes Ziel: Supermarkt. Brot, Marmelade, ein Stück Obst auf die Hand - das genügt uns als Frühstück. Zweites Ziel: das Castelo de Sao Jorge. 8.50 € Eintritt lassen mich schlucken. Lohnt sich der Preis? Im Nachhinein würde ich sagen, nein. Die Stadt überblicken wir dank ihrer Hügel auch von anderer Stelle aus und das Castelo selbst reißt mich nicht vom Hocker. Wir verlassen es gegen Nachmittag und steuern die Baixa von Lissabon, die sog. Unterstadt, an. Unser drittes Ziel: eine Eisdiele in der Rua Augusta. Hier ist das Geld gut investiert! Wir lassen uns (bio-veganes) Schokoladen- und Haselnusseis schmecken und die Touristenströme an uns vorüberziehen, bevor es auch uns weiterzieht. Den Elevador de Santa Justa, der Baixa und Chiado (Oberstadt) verbindet, lassen wir links liegen und erklimmen stattdessen die Prachtstraße Avenida da Liberdade. Auf den Verkehrslärm könnten wir zwar verzichten, doch ansonsten gefällt uns der Weg entlang des Grünstreifens und, oben angekommen, der Blick über die Stadt. Das letzte Ziel des Tages: Princesa do Castelo, ein kleines veganes Restaurant nahe unserer Unterkunft. Lage, Atmosphäre und Geschmack überzeugen.


Das Bild des Tages zeigt den Laden, inkl. Gästen, Belegschaft, Warenlager, Fliegenpilz und Sternenhimmel.

Dienstag, 24. Oktober 2017

Ein Urlaubstagebuch der anderen Art

Meinen letzten Urlaub möchte ich auf eine besondere Art Revue passieren lassen. "1000 Zeichen und 1 Bild" lautet mein Motto für die folgenden Blogbeiträge. In ca. 1000 Zeichen werde ich jeweils die Erlebnisse eines Urlaubstages zusammenfassen. Zumindest das, was mir in Erinnerung geblieben ist. Ich möchte mich kurz fassen und dabei (oder besser dadurch?) den Fokus auf die Dinge lenken, die mir besonders wichtig erscheinen oder die mich besonders bewegt haben. Zusätzlich werde ich zu jedem Tag ein Urlaubsbild heraussuchen und es hier teilen. Ich freue mich auf Leser und Rückmeldungen! Los gehts:

Tag 1 – Ankunft in Lissabon. Die Sonne brennt. Mein Kreislauf muss sich erst an die Temperatur gewöhnen. Ich gebe mir Zeit, zur Ruhe zur kommen und die Aufregung der Fliegerei verfliegen zu lassen. Verlasse das Flughafengebäude, entferne mich ein paar Schritte vom Gewusel und orientiere mich. Folge der Beschilderung Richtung Metro, löse ein Ticket und lasse mich in den Hartschalensitz fallen. Station Alameda: Umsteigen, Station Baixa-Chiado: Aussteigen – geschafft. Auf dem Weg zur Unterkunft folge ich der Beschreibung des AirBnB Gastgebers, der mich bereits erwartet. Er zeigt mir Zimmer und Bad, händigt mir Schlüssel aus. Noch ein paar Insider-Tipps für den Aufenthalt, dann lässt er mich ankommen, den Rucksack auspacken und für einen Moment die Matratze testen. Zu später Stunde ziehe ich noch einmal los, um L. abzuholen. Den Rückweg bewältigen wir trotz Müdigkeit und schwerem Gepäck ohne die Unterstützung zweier Aufzüge, die den Einwohnern und Touristen tagsüber das Auf und Ab der Gassen Lissabons erleichtern. Wir fallen ins Bett – jetzt kann der Urlaub beginnen.


Das Bild des Tages: Mein erster Blick über Lissabon – der Himmel ist durch das Abendlicht gefärbt. Während ich auf der einen Seite staune, strahlt auf der anderen Seite der Christo Rei auf die Stadt hinab.

Sonntag, 13. November 2016

Sonntagsneurose und Lebensfreude

Vor genau zwei Jahren habe ich auf diesem Blog den ersten Artikel veröffentlicht. Anlass genug, mich nach über einem halben Jahr mal wieder zu Wort zu melden.

Ich kann mich noch gut an die Zeit erinnern, in der ich den Blog gestartet habe. Der Leidensdruck meiner psychischen Irrungen und Wirrungen war wohl nahezu auf dem Höchstpunkt. Ich empfand nur sehr wenig Freude an (kleinsten) Dingen und diese wahrzunehmen, wurde zu einer täglichen Übung. Circa vier Monate später startete mein Klinikaufenthalt. Wenn ich vorher gewusst hätte, wie anstrengend, aufwühlend, verletzend und demotivierend manche Tage in der Klinik sein werden, hätte ich den Schritt in diese Behandlung vielleicht nicht gewagt. Wenn ich gleichermaßen gewusst hätte, wie wertvoll die Zeit im Nachhinein für mich sein wird, hätte ich mich vielleicht schon viel früher dafür entschieden. Wie gut, dass die Dinge kamen, wie sie gekommen sind - so war ich wohl genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Nun soll dieser Artikel eigentlich kein Rückblick werden. Eher ein Einblick, vielleicht auch ein Ausblick. Wie geht es mir momentan, was beschäftigt mich, woran muss ich noch arbeiten?


Auch wenn ich von der „Wie geht es dir?“-Frage nach wie vor nicht besonders viel halte: „So weit, so gut.“ wäre wohl eine passable Antwort. Im Vergleich zur Zeit vor zwei Jahren, bin ich deutlich aktiver, habe mehr Tatendrang, hege Wünsche, mache Pläne und verfolge Ziele. Im Großen, wie im Kleinen. Ich arbeite von Montag bis Freitag und manchmal auch am Wochenende, treffe darüber hinaus Verabredungen, treibe Sport, besuche Konzerte und Gottesdienste oder gehe ins Kino… Was für viele völlig selbstverständlich ist, war es für mich lange Zeit nicht. Ich empfinde wieder diese so wichtige, grundlegende Lebensfreude. Tage sind nicht mehr nur dazu da, um vorbei zu gehen, sondern, um genutzt zu werden.

Weil Entscheidungen treffen nach wie vor ein eher leidiges Thema ist, brauche ich dabei möglichst viel Struktur. Feste Tages- bzw. Wochenprogramme erleichtern mir den Alltag dahingehend, dass mich der Kampf mit der Frage „Was mache ich jetzt?“ nicht mehr allzu häufig aus der Bahn wirft. Leider passiert das dennoch weiterhin regelmäßig, weil mir irgendwo noch eine gehörige Portion Lustempfinden fehlt. Das Gefühl richtig Lust auf etwas zu haben, ist sehr sehr selten, so dass ich auch wenig „nach dem Lustprinzip“ entscheiden kann. Zusätzlich verspüre ich das starke Bedürfnis nach Sinnhaftigkeit meiner Tätigkeiten. Dennoch wagte ich den Schritt, beruflich nun einer Beschäftigung nachzugehen, bei der ich meine Arbeit größtenteils selber organisieren muss und nur wenig klare Aufgaben oder zeitliche Vorgaben bekomme. Das ist eine tägliche Herausforderung, in die ich definitiv noch herein wachsen muss möchte.

Eine andere große Herausforderung sind Sonntage. „Sonntagsdepression“ oder auch „Sonntagsneurose“ sind nicht nur für mich keine unbekannten Begriffe. Vor zwei Jahren veröffentlichten Hamburger Forscher die Studie „Rythms and Cycles in Happiness“ , in der das Auftreten von Sonntagsneurosen in unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen systematisch untersucht wurde. Den Forschern zufolge hadern vor allem Menschen mit hohem Bildungsabschluss mit ihrer Freizeit. Einerseits möglicherweise aufgrund zunehmender Unsicherheit im Berufsleben, und damit unsicherer Erwartungen an den nahenden Montag. Andererseits vielleicht auch aufgrund des Bedürfnisses nach beruflicher Bestätigung und dem Ziel, seine Zeit „sinnvoll“ zu verbringen. Je weniger diesen Verlangen im Berufsalltag nachgekommen wird, desto größer die Gefahr, sie mit ins Wochenende zu nehmen?

Ein Generationsproblem scheint die Sache jedoch nicht zu sein. Bereits 1919 beschrieb der Analytiker Sándor Ferenczi in seinem Aufsatz „Sonntagsneurosen“ Patienten, die an Sonntagen von „mehr oder minder lästigen psychischen Zuständen geplagt“ sind, „die sich ohne besondere Ursache an diesem Tage einzustellen pflegten und den jungen Leuten den einzigen freien Tag der Woche oft gründlich verdarben.“ Und in den 50er Jahren beobachtete der Neurologe und Psychiater Viktor E. Frankl das "Gefühl der Öde und Leere, der Inhaltsleere und Sinnlosigkeit des Daseins, wie es gerade beim Stillstand wochentägiger Betriebsamkeit im Menschen aufbricht und zutage tritt“.


In meinem Fall mögen manche Aspekte passend und andere unpassend sein, aber Sonntage sind sicher nicht meine Lieblingstage. Vielleicht ist es am ehesten das Gefühl, dass etwas „zu Ende geht“, welches mir unangenehm ist. Nun finde ich mit wachsender Erkenntnis des Problems für mich glücklicherweise auch Mittel dagegen anzukommen. Sehr wichtig ist es, raus zu gehen. Am besten an Orte, an denen Menschen zu erwarten sind, die über die Tatsache, dass Sonntag ist, glücklich zu sein scheinen. Solche zu finden, ist nicht besonders schwierig - es kann der Spielplatz ums Eck, ein gut besuchtes Café in der Innenstadt oder ein beliebtes Ausflugsziel in der Umgebung sein. Kino, Theater oder Konzerte erfordern etwas mehr Planung und Entscheidungswille, eignen sich aber nicht minder gut.

Das vielfältige Angebot sonntäglicher „Eintritt frei - um Spenden wird gebeten“ Konzerten am neuen Wohnort ist meine heutige, vergangene und hoffentlich auch zukünftige Sonntagsfreude. Passend dazu zeigen die Collagen sieben Bilder sonntäglicher Unternehmungen der letzten Wochen und wandern damit in der Hoffnung nach langer Funkstille wieder ein paar Leser auf den Blog zu locken zur Sieben-Sachen-Sonntag-Sammlung.

P.S. Der Nachteil des hier so vielseitigen Angebotes: Oft - so auch heute - muss ich zwischen zwei oder mehr Konzerten wählen. Sinfonieorchester, eines der beiden Gospelkonzerte oder doch zum Public Viewing des 1000.Tatorts? Damit mich dann nicht doch wieder das „Was mache ich jetzt?“ Grübeln aus der Bahn wirft, lasse ich in solchen Fällen manchmal einfach das Los entscheiden. Schwierig ist es dann nur noch, die Entscheidung nicht in Frage zu stellen.

Samstag, 9. April 2016

"Hinter den Wolken scheint immer die Sonne"

sagt man. Ein Postkartenspruch, den ich, entsprechend Wetter- und/oder Gefühlslage regelmäßig im Sinn habe. „Das Wetter charakterisiert den Zustand der Atmosphäre an einem bestimmten Ort und zu einem bestimmten Zeitpunkt“ erklärt Wikipedia, und sei damit „das augenblickliche Bild eines Vorgangs“, nämlich dem des Wettergeschehens. „Der allgemeine Charakter des Wetters über einen längeren Zeitraum betrachtet“ wird als Witterung bezeichnet.

Gefühle funktionieren ähnlich, finde ich, und wage es die Definition zu analogisieren. „Das Gefühl charakterisiert den Zustand einer Person an einem bestimmten Ort und zu einem bestimmten Zeitpunkt“ als „augenblickliches Bild seines Daseins“. Das Wetter als „Sein“, die Witterung als „Haben“ und das Wettergeschehen als „Werden“ und schon steht der Vergleich.

Und der Zusammenhang geht sogar noch ein Stück tiefer. Als „wetterfühlig“ bezeichnet man Menschen, die überdurchschnittlich empfindlich gegenüber Witterungserscheinungen sind. Symptome können neben körperlichen, wie Kopfschmerzen oder Schlafstörungen, auch seelische Leiden sein. Gleichermaßen wird dem ganzen eine umgekehrte Kausalität unterstellt: Forscher behaupten, dass psychisch Beeinträchtige stärker auf Witterungsbedingungen reagieren als gesunde Menschen. Wenn das Wetter auf die Psyche schlägt und die angeknackste Psyche übersensibel auf das Wetter reagiert, ist der Teufelskreis perfekt. Ursache wird zu Wirkung, Wirkung zu Ursache und einer Verstärkung der Symptome steht nichts mehr im Wege. Am Ende weiß keiner mehr was zuerst da war: das Wetter oder die miese Stimmung?

Ich weiß nicht recht, ob ich an Wetterfühligkeit glaube. Medizinische Studien, die einen kausalen Zusammenhang zwischen Wetter und Wohlbefinden nachweisen, gibt es laut Wikipedia nicht. Und ist es nicht bei jeglichen Umständen so, dass sie die Stimmung des Einen mehr und die des Anderen weniger beeinflussen?

Mich selber würde ich jedenfalls nicht als wetterfühlig bezeichnen. Momente, in denen mir das Wetter auf die Stimmung schlägt, kenne ich gut und das ist ganz unabhängig von der Ausprägung möglich. Aber ich reagiere nicht hochsensibel, sondern vielmehr äußerst wohlwollend und sehe das als Schlüssel zum Erfolg. Wenn Menschen sich über das Wetter aufregen, denke ich mir oft, es gäbe doch so viel wichtigeres in das man seine Energie stecken könnte. Ich versuche das Wetter anzunehmen wie es ist und das zunächst wertfrei. Ich kann ohnehin keinen Einfluss darauf nehmen (außer durch einen Ortswechsel, der in den seltensten Fällen spontan in ausreichendem Ausmaß machbar ist).

Die Steigerung der wertfreien Wahrnehmung ist die positive Wahrnehmung. Hier stellt mich das Wetter vor eine größere Herausforderung. Vor allem an die sintflutartigen Regenfälle, wie ich sie in dieser Regelmäßigkeit bislang an keinem Wohnort erlebt habe, musste ich mich erstmal gewöhnen. Geholfen hat die Anschaffung eines Regenponchos - meine „Investition des Monats“ im Januar. Wer nicht glaubt, dass es eine wahre Freude sein kann mit so einem Teil durch strömenden Regen zu radeln, der möge es nur einmal selbst ausprobieren. Es lohnt sich, man bleibt erstaunlich trocken und als es nach der Anschaffung das erste mal wieder in Strömen regnete, habe ich mich darüber gefreut, der Welt endlich den neuen Poncho präsentieren zu können.


Das Frühlingswetter macht es mir leicht, es positiv zu sehen. Wie wunderbar sind die ersten wärmenden Sonnenstrahlen, die ersten Tage, an denen ich in der Mittagspause ohne Jacke rausgehen konnte, die ersten summenden Bienen, blühenden Sträucher, zwitschernden Vögel, … Genauso gehört für mich auch ein bedeckter, wolkenverhangener Himmel dazu. Die Natur erwacht und das nicht von heute auf morgen. So wie ich morgens durchaus mal etwas länger brauche, gönne ich auch dem Wetter seine Zeit, sich auf die wärmere Hälfte des Jahres einzustellen. Und Frühlingsregen? Wer einmal bewusst den Geruch bei leichtem Nieselregen oder nach einem Regenschauer an Frühlingstagen wahrgenommen hat, wird auch diesen nicht mehr missen mögen. So haben mich weder die Regentropfen auf der Nase bei der Feierabend-Jogging-Runde am Donnerstag, noch der Schauer gestern Abend, als ich mit dem Rad nach der Arbeit unterwegs war, um noch ein paar Besorgungen zu machen, gestört - ganz im Gegenteil.

Der Anblick danach: das perfekte Bild zu „Hinter den Wolken scheint immer die Sonne“. Dichte, dicke, dunkle Wolken am Himmel, aber irgendwo kam sie durch und hat das Haus gegenüber Scheinwerfer-artig in Szene gesetzt. Ist es mit unseren Gefühlen nicht oft genauso? Selbst Tage, an denen ich mich niedergeschlagen, betrübt, vernebelt, unruhig (man beachte Parallele der Begrifflichkeiten zum Wetter) oder frustriert, traurig, wütend fühle, beinhalten Momente, die mir das sprichwörtliche Lächeln ins Gesicht schauen, und sind sie noch so kurz und unscheinbar. Diese bewusst wahrzunehmen, ist eine tägliche Übung.

Wer anfangen möchte zu üben, kann es sich erleichtern, indem er über Dinge nachdenkt, die ihm unabhängig von Wetter- und Gefühlslage gut tun. Sich in ein schönes Café setzen und ein Heiß- oder Kaltgetränk (je nach Wetterlage ;-)) zu genießen, kann eine Möglichkeit sein. Ist es draußen trist und grau, macht man es sich drinnen gemütlich und beobachtet, wie sich die Menschen draußen entnervt durch den Wind und Regen kämpfen. Haben die Sonnenstrahlen Kraft genug, Psyche und Körper zu erwärmen, sitzt man draußen und ist mitten drin im Geschehen.


Heute steht eine Radtour auf meinem Programm. Die Sonne scheint und den Samstagskaffee (mit dem ich mich zum virtuellen Kaffeeklatsch und zum Samstagsplausch geselle), den ich mir im Anschluss oder währenddessen gönnen werde, werde ich vielleicht sogar mit Blick in den freien Himmel genießen können. Mal sehen, wie beständig die Wetterlage heute ist. Übel nehmen, werde ich ihr einen Umschwung nicht: die kenne ich doch nur zu gut von meiner eigenen Gefühlslage.

Montag, 28. März 2016

Lebenszeichen - In Bewegung

Ca. 100 km habe ich am Osterwochenende auf dem Rad verbracht, etwa 40 weitere zu Fuß zurück gelegt. Vor etwas weniger als einem Jahr, bin ich nach einer über sechsmonatigen Zwangspause das erste mal wieder Rennrad gefahren. Mehrere Tausend Kilometer haben Renn- und Tourenrad seitdem zurückgelegt. Vom nordöstlichsten Eck Deutschlands - Usedom - bis in die südwestliche Ecke des Saarlandes - das Radfahren, die Bewegung, das Vorankommen wurden zu entscheidenden Bestandteilen meiner Entwicklung. Das Wort Genesung möchte ich nicht verwenden, und ob ich mich als „gesund“ bezeichnen würde? Ich weiß es nicht.


„Die Gesundheit des Menschen ist ein (undefinierter) Zustand des körperlichen wie geistigen Wohlbefindens und somit die Nichtbeeinträchtigung durch eine Krankheit.“ Das wichtigste Wort wird ausgeklammert: undefiniert, der Albtraum eines Mathematikers. Ein bekanntes Onlinelexikon bietet dennoch verschiedene Definitionen des Undefinierbaren an, die sich in ihrer Bedeutung mehr oder weniger überschneiden. Das Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie schreibt: „Gesundheit wird als mehrdimensionales Phänomen verstanden und reicht über den ‚Zustand der Abwesenheit von Krankheit‘ hinaus.“ Nietzsche findet mit „Gesundheit ist dasjenige Maß an Krankheit, das es mir noch erlaubt, meinen wesentlichen Beschäftigungen nachzugehen.“ etwas einfachere Worte mit ähnlicher Aussage.

Was Nietzsche mit „Krankheit“ meint, bleibt offen und auch ich tue mir schwer mit dem Begriff. Versteht man Krankheit als Einschränkung von Gesundheit, so dreht sich die Definition im Kreis. Klar ist jedenfalls, dass Magersucht, Depressionen, Selbstverletzung oder Zwangshandlungen nur Symptome für etwas dahinter stehendes, etwas viel größeres sind. Ich nenne es Leben und behaupte, dass es nicht immer einfach ist. Eher im Gegenteil. Im letzten Jahr habe ich viel über mich gelernt, über Krankheit, Symptome und Ursachen. Viel wichtiger aber sind die Erkenntnisse über Ressourcen und Kraftquellen, die mich auf den Boden der Tatsachen zurückholen, wenn sich Teile von mir in Bereiche bewegen, in denen sie nichts verloren haben. Allen voran meine Familie, dicht gefolgt von Freunden und Bekannten, die zusammen ein soziales Netz bilden, dass die hohe Stabilität bewiesen hat, mich ganz unabhängig vom Körpergewicht aufzufangen. Danach folgen in meinem Fall Glaube, Kreativität und Bewegung.


Ich bin mittlerweile definitiv wieder in der Lage „meinen wesentlichen Beschäftigungen nachzugehen“, die Symptome, die mich daran gehindert haben, habe ich im Griff. Ich kann wieder Radfahren, Wandern, bin unternehmungslustig und pflege soziale Kontakte. Darüber hinaus gehe ich sogar einer geregelten Beschäftigung nach, so richtig mit festem Arbeitsplatz im Büro, einem bunt gemischten Haufen Kollegen, 40 Stunden Woche und einem monatlicher Betrag auf dem Konto, der die Bezeichnung „Lohn“ verdient und nicht „Taschengeld“ genannt wird. Die Arbeit im Kindergarten war körperlich anstrengend und forderte geistige Aufmerksamkeit. Das FSJ war eine gute Entscheidung und eine wertvolle Erfahrung und der Zeitraum von vier Monaten, die ich „durchgehalten“ habe, zu diesem Zweck vielleicht genau passend. Ich habe eine Menge wunderbare (kleine) Menschen kennen gelernt, der Abschied fiel mir am Ende wesentlich schwerer als zwischenzeitlich gedacht. Noch schwerer fiel mir der Abschied von Berlin, Freunden, Bekannten und meiner WG. Eine passende WG konnte ich nach zwei Monaten Überbrückung auch am neuen Wohnort finden. Minimalistisch, aber äußerst gemütlich habe ich mich dort eingerichtet.


„Man darf sich nicht einrichten.“ war einer der letzten Hinweise, die mir in Berlin mit auf den Weg in fremde Gefilde gegeben wurden. Gemeint war hier aber weniger die Zimmereinrichtung, als die Art der Bequemlichkeit, die es uns schwer macht, aus alten Gewohnheiten auszubrechen, die uns in unbefriedigenden Zuständen verweilen lässt und die uns als Ausrede dient, die Arbeit an uns selber nicht zu forcieren, sondern (weit) hinter Alltag und Routine anzustellen. Mit (eines) anderen Worten (in diesem Fall stammen sie von Bodo Wartke): „Man macht trotz aller Melancholie, so gut es geht im Leben eben irgendwie, zum bösen Spiel gute Miene, funktioniert wie eine Maschine, so kalt in Gestalt von alltäglicher Routine …“ Vielleicht neige ich ein wenig dazu „zu funktionieren“, aber Melancholie und (unbefriedigenden) Routinen habe ich den Kampf angesagt. Ich arbeite an mir und versuche die Situation, in der ich mich befinde, positiv zu beeinflussen. Eingerichtet habe ich mich noch lange nicht.

Es ist viel passiert in den letzten Monaten und ich habe keinen Bruchteil, sondern höchstens ein Bruchteilchen davon hier erwähnt. Für den Moment aber spare ich mir (erspare ich euch?) weitere Worte und lasse zur Ergänzung der oberen wahllos ein paar wild zusammengewürfelte Bilder sprechen. Nicht alles, was ich gerade tue, fühlt sich stimmig oder richtig an und den Baum des Lebens habe ich noch lange nicht bis in den Wipfel erklommen. Aber ich habe das Vertrauen (zurück) gewonnen, dass mein Weg im Großen und Ganzen einen Sinn ergibt und so fühlt sich die momentane Kletterei auf etwa 1/3 der Höhe gar nicht verkehrt an. Und weil ich das schon ganz anders erlebt habe, weiß ich es sehr zu schätzen. Ich habe wieder viele Pläne, Gedanken, Ideen und Ziele und wenn es die (Frei-)Zeit zulässt, möchte ich den Blog wieder nutzen, sie festzuhalten und zu teilen.

Freitag, 6. März 2015

Erste Erfahrungen mit der digitalen Spiegelreflexfotografie

- darüber freue ich mich am heutigen Freitag.


Und außerdem darüber, dass das Umgehen mit dem Arbeitsende gar nicht so furchtbar schwierig und meine innere Getriebenheit einigermaßen auszuhalten ist. Darüber, dass ich nun sogar noch ein paar Tage habe, an denen ich mich guten Gewissens einfach nur mit den Dingen beschäftigen kann, mit denen ich mich wirklich gerne beschäftigen will. Beispielsweise mit der Kamera, mit spannenden und interessanten Büchern, mit lieben Menschen, ... und ein bisschen was Kreatives werde ich nächste Woche vielleicht auch noch mal zeigen.