„Und was machst du so?“ fragen wir uns und wir teilen unsere Erfahrungen über Messenger, auf Blogs, in Podcasts, in Videos, … Und nach Ostern mache ich eine Pause. Das Tagebuch-Schreiben kostet Zeit und braucht Muße. Zeit habe ich zwar augenscheinlich genug, aber es fällt mir manchmal schwer, in die Gänge zu kommen und die Zeit zu nutzen. Und wenn dann Elan da ist, stehen andere Dinge auf der Prioritätenliste weiter oben. Die Muße zum Schreiben ist mir etwas abhandengekommen, aber auch das ist nichts Überraschendes nach nun 30 Tagen in der Isolation, die im Wesentlichen durch Warten geprägt ist.
Ich hatte auf Ostern gewartet und natürlich auf die Ankündigung zu weiteren Lockdown-Regelungen bzw. einer möglichen „Exit-Strategie“, die nach Ostern folgen sollten. Jetzt sind sie da und ich habe eine gewisse Gewissheit, dass sich meine persönliche Situation bis zum 04. Mai nicht wesentlich verändern wird. Also heißt es weiter warten … abwarten.
Wie sich die Situation „da draußen“ in den nächsten zweieinhalb Wochen verändern wird, wissen wir nicht. Das sagen in diesen Tagen alle, allen voran Frau Merkel, Herr Drosten und wie sie sonst noch heißen: „Wir wissen es einfach nicht.“ und „Wir warten (jetzt) ab, was da kommt.“
In diesem Sinne verweise ich heute auf das Fazit eines anderen Corona-Bloggers zur momentanen Situation: „Es gibt Status-Updates, aber keine Geschichten.“ Mein Urlaub ist vorbei, ich muss wieder arbeiten, und angesichts eines anstehenden Vortrags im Forschungskolloquium via Videokonferenz ist es gerade auch wirklich ein echtes „ich muss“ und kein „ich müsste“. Ansonsten versuche ich das zu machen, was ich die ganze Zeit mache, nämlich zuversichtlich zu bleiben und meinem Tag irgendwie Struktur zu geben. Das klappt mal besser, mal schlechter.
Wenn ich neue Geschichten habe, dann schreibe ich sie hier auf. Wenn mir nach einem Status-Update ist, dann gibt es ein Status-Update. Und wenn ich nichts schreibe, dann schreibe ich hoffentlich an meiner Dissertation. Oder ich kommentiere beim Prokrastinieren Youtube-Videos, chatte bei Whatsapp mit lieben Freunden und interessanten Unbekannten, oder versuche meine besorgten Eltern zu beruhigen, die sich beschweren „nichts von mir zu hören“, obwohl wir tags zuvor und tags zuvor von tags zuvor noch intensiv über die Ferndiagnostik der technischen Probleme an Omas Pulsuhr diskutiert haben. Ich bin wohl nicht die einzige, die das Zeitgefühl etwas verloren hat in den letzten Wochen!
Donnerstag, 16. April 2020
Montag, 13. April 2020
Isolation, Tag 27: Melancholische Wanderung
„Und was machst du so?“ fragen wir uns und wir teilen unsere Erfahrungen über Messenger, auf Blogs, in Podcasts, in Videos, … Und heute antworte ich: „Eine Osterwanderung“. Und weil mich sonst keiner danach fragt, frage ich mich selber: „Und wie fühlst du dich dabei?“ Und antworte mir: „Einsam und traurig.“
Am Ostermontag holen mich Einsamkeit und Traurigkeit also doch noch ein. Tags zuvor hatte ich mir vorgenommen, eine kleine Wanderung zu machen und setze diesen Plan auch in die Tat um. Spaziergänge und Wanderungen machen „wir“ oft an Ostern. Die Wege, die ich heute gehe, habe ich mittlerweile schon einigen Berliner Freunden, Bekannten und Familienmitgliedern in verschiedenster Konstellation und in verschiedensten Varianten gezeigt. Heute gehe ich sie alleine und ohne Begleitung ist es einfach etwas ganz anderes.
Heute fehlen mir die tiefgründigen Gespräche, die ich auf diesen Wegen mit einer lieben Freundin geführt habe. Das Schimpfen über die Arbeit, als ich sie mit den Kolleginnen entlang gelaufen bin. Der Austausch mit meiner Mama über ihre Liebe und meine Hassliebe zu Berlin, als ich sie bei einem ihrer letzten Besuche aus der Stadt herausgelockt habe. Das Warten auf meinen Papa, der hier und da wie so oft unzählige Fotos von ein und demselben Motiv gemacht hat. Und sogar die doofen Sprüche und flachen Witze von meinem Onkel und einem gutem Freund meiner Eltern, über die ich oft eher hinweghöre (obwohl ich beide natürlich sehr gerne habe!). Heute muss ich mich selbst unterhalten und das ist in meiner melancholischen Stimmung gar nicht so einfach.
Die Wanderung startet an der Heerstraße, das erste Ziel ist der Drachenberg. Obwohl es heute bewölkt, windig und mehr als 10 Grad kühler ist als gestern, sind hier noch viele andere Menschen unterwegs. Ich lasse den Blick über das Plateau schweifen und nehme danach die bunten Drachen im Einzelnen in den Blick. Ein schwarzer Rabe hat es mir dabei besonders angetan. Auf den Drachenberg folgt der Anstieg zum Teufelsberg und ich frage mich, wann wohl wieder Führungen über das Gelände angeboten werden und ich die Gutscheine dafür einsetzen kann, die ich von meinem Onkel zu Weihnachten bekommen habe.
Nach dem Teufelsberg, so die Erfahrung, werden auf den heute gewählten Wegen nur noch wenige Menschen unterwegs sein. Ich hatte mir zwar meine Kopfhörer mitgenommen und ein paar Podcasts aufs Handy geladen, doch zunächst verzichte ich darauf, sie zu hören und versuche, die Ruhe im Wald zu genießen. Ruhig ist es dann auch, sehr ruhig sogar. Mehr als meine Schritte, das Rascheln der Blätter im Wind und ganz selten ein Vogelzwitschern höre ich nicht. Melancholisch hänge ich also meinen traurigen Gedanken nach und summe ein paar Mut machende Kirchenlieder vor mich hin. „Du bist heilig, du bringst heil“ hat es mir heute angetan, obwohl das doch gar kein Osterlied ist. Aber ein gutes Coronalied ist es, denke ich mir. (Den Text kopiere ich in die Fußnote.*)
Ich überlege, woher die Traurigkeit heute kommt, und denke mir, dass es gar keine ausschließlich Corona-bedingte Traurigkeit ist. Zumindest teilweise ist es wohl auch meine übliche Stimmung, wenn bevorstehende Ereignisse eingetreten und zu Ende gegangen, während darauffolgende noch nicht in Aussicht sind. So wie mit Ostern gerade ging es mir früher an fast jedem Ende der Schulferien, nach Familienfesten oder nach Feiertagen. Die letzten zwei bis drei Wochen dachte ich immer nur „bis Ostern“. Jetzt ist Ostern vorbei und ich habe keine Vorstellung davon, wie „es“ weitergehen wird. Was taugt als nächster Haltepunkt? Der Start ins virtuelle Semester am 20. April? Mein Geburtstag in zwei Wochen? Der erste Mai? Der Tag, an dem ich wieder ins Büro darf? Ein Datum dafür steht leider noch in den Sternen.
Morgen ist mein Urlaub zu Ende und wieder ins Büro zu dürfen ist etwas, was ich mir beim Gedanke daran wirklich wünschen würde. Das mit dem Homeoffice mag in Bezug auf die Dissertation mittlerweile zwar etwas besser laufen, aber an die Projektarbeit habe ich mich zuhause allenfalls oberflächlich gewagt. Das sollte sich nächste Woche unbedingt ändern, auf meiner To-Do Liste haben sich einige Punkte angesammelt.
Ich mache eine Pause und klemme mir beim Versuch, mit kalten Händen meine Thermosflasche aufzuschrauben, ziemlich heftig den linken Mittelfinger ein. Das ist vor allem angesichts der bis zum Abend anhaltenden Schmerzen ärgerlich, aber im ersten Moment bin ich fast dankbar über den Schmerz, der mich ins Hier und Jetzt zurückholt und mich eine ganze Weile ganz schön ablenkt. Nicht zuletzt von den Gedanken an die Arbeit. Irgendwann kehrt eine gewisse gedankliche Ruhe ein und ich laufe ein längeres Stück weiter, ohne zu denken. Ist das schon Meditation? Es fühlt sich jedenfalls danach an.
Etwas später kommen die Gedanken dann doch wieder zurück und weil sie nach wie vor melancholisch sind, entscheide ich mich gegen die Ruhe des Waldes und setze doch noch die Kopfhörer auf, um Podcasts zu hören. „Wenn du den Schreibtisch anschaust, weißt du immer auch, wie groß das Projekt von jemandem gerade ist.“ bleibt als eigentlich netter Gedanke am Ende einer Folge „Hotel Matze“ hängen, lässt mich allerdings auch gleich wieder an Zuhause, die Isolation, die Arbeit und die Homeoffice Problematik denken. Ich akzeptiere, dass die Stimmung heute einfach ist, wie sie ist und beende den Tag mit dem dringenden Wunsch, im Laufe der Woche etwas mehr Klarheit darüber zu erlangen, in welcher Form und vor allem wie lange diese Isolation noch anhalten muss.
* Du bist heilig, du bringst Heil,
bist die Seele, wir ein Teil
der Geschichte, die du webst,
Gott, wir danken dir, du lebst
mitten unter uns im Geist,
der Lebendigkeit verheißt,
kommst zu uns in Brot und Wein,
schenkst uns deine Liebe ein.
Am Ostermontag holen mich Einsamkeit und Traurigkeit also doch noch ein. Tags zuvor hatte ich mir vorgenommen, eine kleine Wanderung zu machen und setze diesen Plan auch in die Tat um. Spaziergänge und Wanderungen machen „wir“ oft an Ostern. Die Wege, die ich heute gehe, habe ich mittlerweile schon einigen Berliner Freunden, Bekannten und Familienmitgliedern in verschiedenster Konstellation und in verschiedensten Varianten gezeigt. Heute gehe ich sie alleine und ohne Begleitung ist es einfach etwas ganz anderes.
Heute fehlen mir die tiefgründigen Gespräche, die ich auf diesen Wegen mit einer lieben Freundin geführt habe. Das Schimpfen über die Arbeit, als ich sie mit den Kolleginnen entlang gelaufen bin. Der Austausch mit meiner Mama über ihre Liebe und meine Hassliebe zu Berlin, als ich sie bei einem ihrer letzten Besuche aus der Stadt herausgelockt habe. Das Warten auf meinen Papa, der hier und da wie so oft unzählige Fotos von ein und demselben Motiv gemacht hat. Und sogar die doofen Sprüche und flachen Witze von meinem Onkel und einem gutem Freund meiner Eltern, über die ich oft eher hinweghöre (obwohl ich beide natürlich sehr gerne habe!). Heute muss ich mich selbst unterhalten und das ist in meiner melancholischen Stimmung gar nicht so einfach.
Die Wanderung startet an der Heerstraße, das erste Ziel ist der Drachenberg. Obwohl es heute bewölkt, windig und mehr als 10 Grad kühler ist als gestern, sind hier noch viele andere Menschen unterwegs. Ich lasse den Blick über das Plateau schweifen und nehme danach die bunten Drachen im Einzelnen in den Blick. Ein schwarzer Rabe hat es mir dabei besonders angetan. Auf den Drachenberg folgt der Anstieg zum Teufelsberg und ich frage mich, wann wohl wieder Führungen über das Gelände angeboten werden und ich die Gutscheine dafür einsetzen kann, die ich von meinem Onkel zu Weihnachten bekommen habe.
Nach dem Teufelsberg, so die Erfahrung, werden auf den heute gewählten Wegen nur noch wenige Menschen unterwegs sein. Ich hatte mir zwar meine Kopfhörer mitgenommen und ein paar Podcasts aufs Handy geladen, doch zunächst verzichte ich darauf, sie zu hören und versuche, die Ruhe im Wald zu genießen. Ruhig ist es dann auch, sehr ruhig sogar. Mehr als meine Schritte, das Rascheln der Blätter im Wind und ganz selten ein Vogelzwitschern höre ich nicht. Melancholisch hänge ich also meinen traurigen Gedanken nach und summe ein paar Mut machende Kirchenlieder vor mich hin. „Du bist heilig, du bringst heil“ hat es mir heute angetan, obwohl das doch gar kein Osterlied ist. Aber ein gutes Coronalied ist es, denke ich mir. (Den Text kopiere ich in die Fußnote.*)
Ich überlege, woher die Traurigkeit heute kommt, und denke mir, dass es gar keine ausschließlich Corona-bedingte Traurigkeit ist. Zumindest teilweise ist es wohl auch meine übliche Stimmung, wenn bevorstehende Ereignisse eingetreten und zu Ende gegangen, während darauffolgende noch nicht in Aussicht sind. So wie mit Ostern gerade ging es mir früher an fast jedem Ende der Schulferien, nach Familienfesten oder nach Feiertagen. Die letzten zwei bis drei Wochen dachte ich immer nur „bis Ostern“. Jetzt ist Ostern vorbei und ich habe keine Vorstellung davon, wie „es“ weitergehen wird. Was taugt als nächster Haltepunkt? Der Start ins virtuelle Semester am 20. April? Mein Geburtstag in zwei Wochen? Der erste Mai? Der Tag, an dem ich wieder ins Büro darf? Ein Datum dafür steht leider noch in den Sternen.
Morgen ist mein Urlaub zu Ende und wieder ins Büro zu dürfen ist etwas, was ich mir beim Gedanke daran wirklich wünschen würde. Das mit dem Homeoffice mag in Bezug auf die Dissertation mittlerweile zwar etwas besser laufen, aber an die Projektarbeit habe ich mich zuhause allenfalls oberflächlich gewagt. Das sollte sich nächste Woche unbedingt ändern, auf meiner To-Do Liste haben sich einige Punkte angesammelt.
Ich mache eine Pause und klemme mir beim Versuch, mit kalten Händen meine Thermosflasche aufzuschrauben, ziemlich heftig den linken Mittelfinger ein. Das ist vor allem angesichts der bis zum Abend anhaltenden Schmerzen ärgerlich, aber im ersten Moment bin ich fast dankbar über den Schmerz, der mich ins Hier und Jetzt zurückholt und mich eine ganze Weile ganz schön ablenkt. Nicht zuletzt von den Gedanken an die Arbeit. Irgendwann kehrt eine gewisse gedankliche Ruhe ein und ich laufe ein längeres Stück weiter, ohne zu denken. Ist das schon Meditation? Es fühlt sich jedenfalls danach an.
Etwas später kommen die Gedanken dann doch wieder zurück und weil sie nach wie vor melancholisch sind, entscheide ich mich gegen die Ruhe des Waldes und setze doch noch die Kopfhörer auf, um Podcasts zu hören. „Wenn du den Schreibtisch anschaust, weißt du immer auch, wie groß das Projekt von jemandem gerade ist.“ bleibt als eigentlich netter Gedanke am Ende einer Folge „Hotel Matze“ hängen, lässt mich allerdings auch gleich wieder an Zuhause, die Isolation, die Arbeit und die Homeoffice Problematik denken. Ich akzeptiere, dass die Stimmung heute einfach ist, wie sie ist und beende den Tag mit dem dringenden Wunsch, im Laufe der Woche etwas mehr Klarheit darüber zu erlangen, in welcher Form und vor allem wie lange diese Isolation noch anhalten muss.
* Du bist heilig, du bringst Heil,
bist die Seele, wir ein Teil
der Geschichte, die du webst,
Gott, wir danken dir, du lebst
mitten unter uns im Geist,
der Lebendigkeit verheißt,
kommst zu uns in Brot und Wein,
schenkst uns deine Liebe ein.
Isolation, Tag 26: Ostern
Vor zehn Tagen schrieb ein sehr guter Freund mir, Ostern sei jetzt wohl „offiziell abgesagt“. Anlass war glaube ich die Ansage, dass die Maßnahmen zur Kontaktsperre mindestens bis nach Ostern beibehalten werden, was für uns beide Gewissheit bedeutete, dass wir Ostern nicht mit unseren Familien werden. Mir war der Gedanke an eine „Absage“ erstmal suspekt. Ostern bleibt Ostern, auch ohne Verwandtschaftsbesuch, oder? Vier Tage später schrieb ich ihm dann aber doch: „Ich bin jetzt auch traurig wegen Ostern.“ Ostern war für mich schon immer ein wichtiges und meistens auch ein sehr schönes Fest und ich wäre heute gerne mit meiner Familie bei meiner Oma gewesen. Aber besondere Umstände erfordern besondere Maßnahmen und angesichts der aktuellen Maßnahmen fühlte es sich vernünftiger an, in Berlin zu bleiben.
Ich beginne den Tag mit einem Fernsehgottesdienst zum Ostersonntag. Der Gottesdienst ist schön gestaltet und musikalisch untermalt. Ich summe die Lieder mit und bin gerührt über die Worte der Pfarrerin. „Ostern ist nicht abgesagt“, denke ich. Wir feiern es dieses Jahr einfach anders. Im Anschluss male ich einen „Frohe Ostern“-Gruß und verteile ihn über Whatsapp und Telegram. Ich erhalte viele „Frohe Ostern“-Grüße zurück und finde, dass diese schon mal ein guter Ersatz für das übliche Händeschütteln im Gottesdienst ist.
Ich hatte mich bereits auf ein einsames Osterfest ohne Osternest eingestellt und mich mit dem Rennrad zu einer ausgedehnten Osterradrunde verabredet, doch einer meiner Onkel durchkreuzt meine Pläne und lädt mich spontan ein, auf der Runde vorbeizufahren, um mir einen Schokohasen abzuholen.* So fahre ich heute also wieder durch Brandenburg und wähle dabei Straßen, von denen die Mehrheit nett anzuschauen und nur die Minderheit schlecht asphaltiert oder dicht befahren ist. Ich freue mich über die gute Navigation durch meine GPS-Uhr und finde die Route heute wirklich ganz schön. Ich komme vorbei an einer verlassenen Wasserskianlage, einem verlassenen Golfplatz, etlichen Windkraftanlagen und jeder Menge Pferdehöfen. Mir war gar nicht bewusst, dass Reiten noch so modern ist. Und ich begegne auch wieder vielen anderen Rennradfahrern. Die mir entgegenkommen grüße ich, die meisten grüßen zurück – eine Geste, die nicht erst seit der Corona-Krise wohl verbreitet ist.
Wenn ich in einem Tempo überholt werde, das ich gut auch eine Weile mithalten kann, klemme ich mich hintenan und versuche, eine Weile mitzuhalten. Auch wenn mir klar ist, dass das Ansteckungsrisiko dabei wohl verschwindend gering sein sollte, verzichte ich heute lieber auf den Windschatten und halte eine Radlänge Abstand. So fährt man dann eine Weile einträchtig hintereinander, still, und nur begleitet durch das Surren der Pedale, bis sich die Wege trennen oder Kraft und Kondition nicht mehr miteinander zu vereinen sind. Die Gewissheit über eine gemeinsame Leidenschaft verbindet, auch wenn man ansonsten rein gar nichts von den jeweils anderen weiß. Das ist irgendwie ein seltsamer, aber doch auch ein schöner Gedanke.
In den Dörfern entdecke ich auch heute wieder viele kleine Stände vor den Häusern, mit selbstgemachten Osterbroten, Keksen, Marmeladen und Apfelmus. Heute hätte ich mir gerne ein Glas mitgenommen, leider habe ich kein passendes Kleingeld dabei. Vielleicht beim nächsten Mal.
Am Nachmittag erreiche ich das Haus meines Onkels. Der Schokohase wartet in der Papiermülltonne, das Suchen bleibt mir aber erspart, das Versteck wurde mir vorher verraten. Eine mitgebrachte Schokolade mit Ostergruß reiche ich im Gegenzug über den Gartenzaun. Über den Gartenzaun unterhalten wir uns dann auch noch ein bisschen und auch das ist wieder eine willkommene Abwechslung zum mittlerweile doch einsam werdenden Alltag (wenn man aktuell denn überhaupt von „Alltag“ sprechen kann).
„Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“ lese ich als Schriftzug an einem Schulgebäude, an dem ich vorbeifahre, es handelt sich dabei um ein Zitat vom Religionsphilosophen Martin Buber. Wie wahr, denke ich mir, der Mensch ist ein Herdentier, heißt es in diesen Tagen ja immer wieder. Aber Begegnung kann vielseitig gedacht werden, denke ich weiter. Begegnungen auf dem Fahrrad, Begegnungen am Gartenzaun oder der Haustüre, Begegnungen mit Sicherheitsabstand, Begegnungen über Telefon und Internet. „Allein sein heißt nicht einsam sein.“ erklären uns die Soziologen, Psychologen, Politiker und altklugen Alltagsphilosophen und man muss ihnen allen wohl Recht geben.
Den Rest des Tages verbringe ich im Wesentlichen auf dem Sofa, lege die müden Beine hoch und arbeite an einem neuen Häkelauftrag. Mit Familie und Freunden tausche ich mich am Abend noch über die jeweiligen Oster-Aktivitäten aus, unter anderen auch mit dem zu Beginn des Artikels erwähnten Freund. „Zum Ende des Tages bin ich etwas traurig und fühle mich einsam, aber der Tag war eigentlich schön.“ schreibe ich ihm und berichte von meiner Tagesgestaltung. „Klingt ganz gut. Auch wenn ich nicht weiß, wie man so einen Ostertag bewerten soll. Aber für einen Coronatag klingt es gut.“ antwortet er und ich kann mir in diesem Moment kein treffenderes Fazit vorstellen. Ostern ist nicht ausgefallen, es war nur anders als sonst. Und den Umständen entsprechend hatte ich alles in allem durch viele freundliche Gesten und Worte einen schönen „Coronostersonntag“.
* Ich muss zugeben, dass ich an der spontanen Einladung nicht ganz unbeteiligt war. Ich habe die Schokohasen am Morgen in seinem Profilbild entdeckt und ihn gefragt, ob ich mir einen abholen darf :-D
Ich beginne den Tag mit einem Fernsehgottesdienst zum Ostersonntag. Der Gottesdienst ist schön gestaltet und musikalisch untermalt. Ich summe die Lieder mit und bin gerührt über die Worte der Pfarrerin. „Ostern ist nicht abgesagt“, denke ich. Wir feiern es dieses Jahr einfach anders. Im Anschluss male ich einen „Frohe Ostern“-Gruß und verteile ihn über Whatsapp und Telegram. Ich erhalte viele „Frohe Ostern“-Grüße zurück und finde, dass diese schon mal ein guter Ersatz für das übliche Händeschütteln im Gottesdienst ist.
Ich hatte mich bereits auf ein einsames Osterfest ohne Osternest eingestellt und mich mit dem Rennrad zu einer ausgedehnten Osterradrunde verabredet, doch einer meiner Onkel durchkreuzt meine Pläne und lädt mich spontan ein, auf der Runde vorbeizufahren, um mir einen Schokohasen abzuholen.* So fahre ich heute also wieder durch Brandenburg und wähle dabei Straßen, von denen die Mehrheit nett anzuschauen und nur die Minderheit schlecht asphaltiert oder dicht befahren ist. Ich freue mich über die gute Navigation durch meine GPS-Uhr und finde die Route heute wirklich ganz schön. Ich komme vorbei an einer verlassenen Wasserskianlage, einem verlassenen Golfplatz, etlichen Windkraftanlagen und jeder Menge Pferdehöfen. Mir war gar nicht bewusst, dass Reiten noch so modern ist. Und ich begegne auch wieder vielen anderen Rennradfahrern. Die mir entgegenkommen grüße ich, die meisten grüßen zurück – eine Geste, die nicht erst seit der Corona-Krise wohl verbreitet ist.
Wenn ich in einem Tempo überholt werde, das ich gut auch eine Weile mithalten kann, klemme ich mich hintenan und versuche, eine Weile mitzuhalten. Auch wenn mir klar ist, dass das Ansteckungsrisiko dabei wohl verschwindend gering sein sollte, verzichte ich heute lieber auf den Windschatten und halte eine Radlänge Abstand. So fährt man dann eine Weile einträchtig hintereinander, still, und nur begleitet durch das Surren der Pedale, bis sich die Wege trennen oder Kraft und Kondition nicht mehr miteinander zu vereinen sind. Die Gewissheit über eine gemeinsame Leidenschaft verbindet, auch wenn man ansonsten rein gar nichts von den jeweils anderen weiß. Das ist irgendwie ein seltsamer, aber doch auch ein schöner Gedanke.
In den Dörfern entdecke ich auch heute wieder viele kleine Stände vor den Häusern, mit selbstgemachten Osterbroten, Keksen, Marmeladen und Apfelmus. Heute hätte ich mir gerne ein Glas mitgenommen, leider habe ich kein passendes Kleingeld dabei. Vielleicht beim nächsten Mal.
Am Nachmittag erreiche ich das Haus meines Onkels. Der Schokohase wartet in der Papiermülltonne, das Suchen bleibt mir aber erspart, das Versteck wurde mir vorher verraten. Eine mitgebrachte Schokolade mit Ostergruß reiche ich im Gegenzug über den Gartenzaun. Über den Gartenzaun unterhalten wir uns dann auch noch ein bisschen und auch das ist wieder eine willkommene Abwechslung zum mittlerweile doch einsam werdenden Alltag (wenn man aktuell denn überhaupt von „Alltag“ sprechen kann).
„Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“ lese ich als Schriftzug an einem Schulgebäude, an dem ich vorbeifahre, es handelt sich dabei um ein Zitat vom Religionsphilosophen Martin Buber. Wie wahr, denke ich mir, der Mensch ist ein Herdentier, heißt es in diesen Tagen ja immer wieder. Aber Begegnung kann vielseitig gedacht werden, denke ich weiter. Begegnungen auf dem Fahrrad, Begegnungen am Gartenzaun oder der Haustüre, Begegnungen mit Sicherheitsabstand, Begegnungen über Telefon und Internet. „Allein sein heißt nicht einsam sein.“ erklären uns die Soziologen, Psychologen, Politiker und altklugen Alltagsphilosophen und man muss ihnen allen wohl Recht geben.
Den Rest des Tages verbringe ich im Wesentlichen auf dem Sofa, lege die müden Beine hoch und arbeite an einem neuen Häkelauftrag. Mit Familie und Freunden tausche ich mich am Abend noch über die jeweiligen Oster-Aktivitäten aus, unter anderen auch mit dem zu Beginn des Artikels erwähnten Freund. „Zum Ende des Tages bin ich etwas traurig und fühle mich einsam, aber der Tag war eigentlich schön.“ schreibe ich ihm und berichte von meiner Tagesgestaltung. „Klingt ganz gut. Auch wenn ich nicht weiß, wie man so einen Ostertag bewerten soll. Aber für einen Coronatag klingt es gut.“ antwortet er und ich kann mir in diesem Moment kein treffenderes Fazit vorstellen. Ostern ist nicht ausgefallen, es war nur anders als sonst. Und den Umständen entsprechend hatte ich alles in allem durch viele freundliche Gesten und Worte einen schönen „Coronostersonntag“.
* Ich muss zugeben, dass ich an der spontanen Einladung nicht ganz unbeteiligt war. Ich habe die Schokohasen am Morgen in seinem Profilbild entdeckt und ihn gefragt, ob ich mir einen abholen darf :-D
Sonntag, 12. April 2020
Isolation, Tag 25: Abwechslung
Karsamstag: ein guter Tag. Die Karwoche geht zu Ende und mit ihr eine weitere in der Isolation. Die Zuversicht von gestern bestätigt sich. Am Vormittag entdecke ich auf Facebook zufällig, dass der Stand von der Ölmühle heute Teil des Marktes ist und düse spontan los, um es für die Freundin, die ich letztes Wochenende leider enttäuschen musste, zu besorgen. Ich habe Glück und erstehe die letzten beiden Fläschchen, die ich im Anschluss gleich ausliefere. Es tut gut, einem lieben Menschen einen Gefallen zu tun und eine große Freude zu machen. Und die Auslieferung bietet die Möglichkeit für ein kurzes Gespräch zwischen Tür und Angel – natürlich mit Sicherheitsabstand. Eine willkommene Abwechslung!
Weil viele den Samstag zwischen den Feiertagen zum Einkaufen nutzen, ist es in der Stadt voll und vor nahezu jedem Laden gibt es lange Schlangen. Ich bin froh, dass ich gut geplant und am Dienstag alles Nötige eingekauft habe. Meine Vorräte werden sicher bis zum nächsten Dienstag oder sogar Mittwoch ausreichen und ich kann der Stadt den Rücken kehren, um eine weitere Runde Rennrad zu fahren. Den dritten Tag in Folge geht es entlang der Havelchaussee – heute fahre ich aber mal andersrum.
Der Wechsel der Fahrtrichtung lässt mich die schon unzählige Male gefahrene Strecke aus einer ganz neuen Perspektive entdecken. Ich erkenne sie an einigen Stellen wirklich kaum wieder und merke mir die Strategie für andere Strecken: Es kann so einfach sein, neue Ecken zu entdecken! Ich muss aber zugeben, dass ich durchaus schon mehrmals mit dem Gedanken gespielt habe, die Runde andersherum zu fahren. Was mich bislang davon abhielt, war die Vermutung, dass mir die Steigungen in umgekehrter Richtung weniger zusagen werden. Die Vermutung bestätigt sich, aber Spaß macht es trotzdem und die Gewissheit über eine Vermutung zu erlangen, ist für Wissenschaftler ja allein schon ein befriedigendes Gefühl.
Mit der Wissenschaft geht es heute zur Abwechslung dann auch endlich mal wieder zufriedenstellend voran. Ich schreibe nicht viel Neues, aber schaffe Ordnung im zuletzt ziemlich zerrupften Manuskript und habe das Gefühl, dass es doch kein so hoffnungsloser Fall ist, wie ich gestern noch dachte.
Und der Abend bietet sogar noch eine weitere willkommene Abwechslung: Eine Geburtstagsfeier via Zoom, einem Programm für Videokonferenzen. Ich sehe in einige bekannte und viele unbekannte Gesichter auf dem Bildschirm, die fröhlich in ihre Kameras lachen. Virtuell wird auf das Geburtstagskind angestoßen, im verbindungsbedingt wahrscheinlich ziemlich asynchronen Chor ein Ständchen gesungen und soweit geplaudert, wie es in solch einer Runde eben möglich ist. Ich freue mich darüber, dabei sein zu dürfen, und beginne mich schon mal mit dem Gedanken anzufreunden, diese Variante auch für meinen Geburtstag in zwei Wochen in Betracht ziehen zu müssen …
Weil viele den Samstag zwischen den Feiertagen zum Einkaufen nutzen, ist es in der Stadt voll und vor nahezu jedem Laden gibt es lange Schlangen. Ich bin froh, dass ich gut geplant und am Dienstag alles Nötige eingekauft habe. Meine Vorräte werden sicher bis zum nächsten Dienstag oder sogar Mittwoch ausreichen und ich kann der Stadt den Rücken kehren, um eine weitere Runde Rennrad zu fahren. Den dritten Tag in Folge geht es entlang der Havelchaussee – heute fahre ich aber mal andersrum.
Der Wechsel der Fahrtrichtung lässt mich die schon unzählige Male gefahrene Strecke aus einer ganz neuen Perspektive entdecken. Ich erkenne sie an einigen Stellen wirklich kaum wieder und merke mir die Strategie für andere Strecken: Es kann so einfach sein, neue Ecken zu entdecken! Ich muss aber zugeben, dass ich durchaus schon mehrmals mit dem Gedanken gespielt habe, die Runde andersherum zu fahren. Was mich bislang davon abhielt, war die Vermutung, dass mir die Steigungen in umgekehrter Richtung weniger zusagen werden. Die Vermutung bestätigt sich, aber Spaß macht es trotzdem und die Gewissheit über eine Vermutung zu erlangen, ist für Wissenschaftler ja allein schon ein befriedigendes Gefühl.
Mit der Wissenschaft geht es heute zur Abwechslung dann auch endlich mal wieder zufriedenstellend voran. Ich schreibe nicht viel Neues, aber schaffe Ordnung im zuletzt ziemlich zerrupften Manuskript und habe das Gefühl, dass es doch kein so hoffnungsloser Fall ist, wie ich gestern noch dachte.
Und der Abend bietet sogar noch eine weitere willkommene Abwechslung: Eine Geburtstagsfeier via Zoom, einem Programm für Videokonferenzen. Ich sehe in einige bekannte und viele unbekannte Gesichter auf dem Bildschirm, die fröhlich in ihre Kameras lachen. Virtuell wird auf das Geburtstagskind angestoßen, im verbindungsbedingt wahrscheinlich ziemlich asynchronen Chor ein Ständchen gesungen und soweit geplaudert, wie es in solch einer Runde eben möglich ist. Ich freue mich darüber, dabei sein zu dürfen, und beginne mich schon mal mit dem Gedanken anzufreunden, diese Variante auch für meinen Geburtstag in zwei Wochen in Betracht ziehen zu müssen …
Samstag, 11. April 2020
Isolation, Tag 24: Verzweiflung und Vertrauen
Karfreitag: kein guter Tag. Dabei beginnt er noch ganz gut, ich schaue mir einen evangelischen Gottesdienst im Fernsehen an, der schön ist, mich aber auch nachdenklich stimmt. In der Predigt geht es um das Gebet aus Psalm 22, was für viele Christen derzeit nicht nur durch Ostern, sondern auch durch ihre Sorgen und Ängste angesichts der aktuellen Situation vielleicht präsenter denn je ist. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ heißt es darin direkt zu Anfang.
Es gibt Menschen, die die Corona-Epidemie als „Strafe Gottes“ deklarieren. Der strafende Gott galt in der christlichen Theologie- und Frömmigkeitsgeschichte lange als unstrittig.* Naturkatastrophen und Seuchen, aber auch kollektive oder persönliche Schicksale werden als „Strafe Gottes“ gedeutet, so wie es uns einige Geschichten aus dem Alten Testament nahelegen. Die meisten modernen Christen teilen diese Auffassung aber nicht mehr. Sie sehen die Krise eher als Anlass, der ein Umdenken in der Bevölkerung bewirken sollte. Ein Anlass, Routinen in Frage zu stellen, Verantwortung zu übernehmen, Solidarität neu zu entdecken, … Ein Anlass, der auch als große Chance für das Gemeinwohl verstanden werden kann und uns an einen „guten Gott“, glauben lässt, der uns durch diese schwere Zeit begleitet und uns vielleicht sogar bestärkt aus ihr herausgehen lässt.
Nach dem Gottesdienst setze ich mich für eine Runde auf das Rennrad und im Anschluss daran an mein Manuskript. Um es kurz zu machen: Ich komme nicht voran. Während ich da also so vor den Worten und Sätzen sitze und an ihnen verzweifle, erlebe ich mal wieder eine kleine persönliche Krise, die angesichts der großen globalen Krise dieser Tage zwar nichtig erscheint, mir im Moment ihres Eintretens deutlich mehr zu schaffen macht.
In meiner Verzweiflung gelingt es mir heute zum ersten Mal nicht, mein zu Beginn des Monats gesetztes „Tagesziel“ einzuhalten. Tag 10 im Kalender rot einzukreisen ist ein doofes Gefühl und ich ärgere mich über mein Unvermögen, so ein Monatsvorhaben auch nur einmal einen gesamten Monat lang durchzuhalten. Seitdem ich das bewusst versuche, ist es mir noch nie gelungen und jetzt muss ich 20 Tage warten, um einen neuen Versuch starten zu können. Aber sind nicht auch diese 20 Tage eine Chance? Eine Chance, das Vorhaben morgen wieder in Angriff zu nehmen und das Ziel zu verfolgen, es bei dem einen roten Kreis auf dem Kalenderblatt zu belassen?
Ich denke zurück an Psalm 22 und die Verzweiflung, die darin zum Ausdruck gebracht wird. Und ich denke an die bevorstehenden Osterfeiertage, an denen nicht mehr die Kreuzigung Jesu, sondern die Auferstehung und das Leben nach dem Tod im Vordergrund stehen. Und auch wenn ein mögliches Scheitern an einem Manuskript oder der Dissertation und ein Abwenden des Ganzen natürlich in keinem Verhältnis zu Tod und Auferstehung oder der Corona-Krise und ihrer globalen Bewältigung stehen, wage ich es heute, in Bezug auf meine eigene Gefühlslage gedankliche Parallelen zu ziehen. So nehme ich die Verzweiflung an und besinne mich auf Vertrauen und Zuversicht. „Morgen wird wieder besser“, sage ich mir also zum Ende des Tages und es ist kein verzweifeltes Hoffen, sondern ein zuversichtliches Vertrauen, das mich in dieser Nacht trotz kleiner und großer Krisen ziemlich ruhig schlafen lässt.
P.S.: Dem „Klagepsalm“ 22 (Leiden und Herrlichkeit des Gerechten) voraus geht übrigens das „Danklied“ Psalm 21 (Gottes Hilfe für den König), folgen tut das „Vertrauenslied“ Psalm 23 (Der gute Hirte). Auch wenn er sich thematisch klar davon abgrenzt, könnte ich mir keinen besseren Rahmen vorstellen.
* Karsamstag spreche ich darüber am Telefon mit meiner Oma, die mir bestätigen wird, dass dies in der Generation über ihr, aber auch in ihrer Generation durchaus noch verbreitet war.
Es gibt Menschen, die die Corona-Epidemie als „Strafe Gottes“ deklarieren. Der strafende Gott galt in der christlichen Theologie- und Frömmigkeitsgeschichte lange als unstrittig.* Naturkatastrophen und Seuchen, aber auch kollektive oder persönliche Schicksale werden als „Strafe Gottes“ gedeutet, so wie es uns einige Geschichten aus dem Alten Testament nahelegen. Die meisten modernen Christen teilen diese Auffassung aber nicht mehr. Sie sehen die Krise eher als Anlass, der ein Umdenken in der Bevölkerung bewirken sollte. Ein Anlass, Routinen in Frage zu stellen, Verantwortung zu übernehmen, Solidarität neu zu entdecken, … Ein Anlass, der auch als große Chance für das Gemeinwohl verstanden werden kann und uns an einen „guten Gott“, glauben lässt, der uns durch diese schwere Zeit begleitet und uns vielleicht sogar bestärkt aus ihr herausgehen lässt.
Nach dem Gottesdienst setze ich mich für eine Runde auf das Rennrad und im Anschluss daran an mein Manuskript. Um es kurz zu machen: Ich komme nicht voran. Während ich da also so vor den Worten und Sätzen sitze und an ihnen verzweifle, erlebe ich mal wieder eine kleine persönliche Krise, die angesichts der großen globalen Krise dieser Tage zwar nichtig erscheint, mir im Moment ihres Eintretens deutlich mehr zu schaffen macht.
In meiner Verzweiflung gelingt es mir heute zum ersten Mal nicht, mein zu Beginn des Monats gesetztes „Tagesziel“ einzuhalten. Tag 10 im Kalender rot einzukreisen ist ein doofes Gefühl und ich ärgere mich über mein Unvermögen, so ein Monatsvorhaben auch nur einmal einen gesamten Monat lang durchzuhalten. Seitdem ich das bewusst versuche, ist es mir noch nie gelungen und jetzt muss ich 20 Tage warten, um einen neuen Versuch starten zu können. Aber sind nicht auch diese 20 Tage eine Chance? Eine Chance, das Vorhaben morgen wieder in Angriff zu nehmen und das Ziel zu verfolgen, es bei dem einen roten Kreis auf dem Kalenderblatt zu belassen?
Ich denke zurück an Psalm 22 und die Verzweiflung, die darin zum Ausdruck gebracht wird. Und ich denke an die bevorstehenden Osterfeiertage, an denen nicht mehr die Kreuzigung Jesu, sondern die Auferstehung und das Leben nach dem Tod im Vordergrund stehen. Und auch wenn ein mögliches Scheitern an einem Manuskript oder der Dissertation und ein Abwenden des Ganzen natürlich in keinem Verhältnis zu Tod und Auferstehung oder der Corona-Krise und ihrer globalen Bewältigung stehen, wage ich es heute, in Bezug auf meine eigene Gefühlslage gedankliche Parallelen zu ziehen. So nehme ich die Verzweiflung an und besinne mich auf Vertrauen und Zuversicht. „Morgen wird wieder besser“, sage ich mir also zum Ende des Tages und es ist kein verzweifeltes Hoffen, sondern ein zuversichtliches Vertrauen, das mich in dieser Nacht trotz kleiner und großer Krisen ziemlich ruhig schlafen lässt.
P.S.: Dem „Klagepsalm“ 22 (Leiden und Herrlichkeit des Gerechten) voraus geht übrigens das „Danklied“ Psalm 21 (Gottes Hilfe für den König), folgen tut das „Vertrauenslied“ Psalm 23 (Der gute Hirte). Auch wenn er sich thematisch klar davon abgrenzt, könnte ich mir keinen besseren Rahmen vorstellen.
* Karsamstag spreche ich darüber am Telefon mit meiner Oma, die mir bestätigen wird, dass dies in der Generation über ihr, aber auch in ihrer Generation durchaus noch verbreitet war.
Freitag, 10. April 2020
Isolation, Tag 23: Vergänglichkeit
Es gibt Sätze, die in diesen Tagen ziemlich häufig fallen. Sätze zu Infektionszahlen („Wir können uns nicht in Sicherheit wiegen.“), zur Lage in den Krankenhäusern („Wir dürfen das Gesundheitssystem nicht überlasten.“) oder zu den Kontaktbeschränkungen („Wir müssen uns an die Regeln halten.“). Und immer wieder wird eine Frage gestellt: „Wie lange noch?“
Der wohl häufigste Satz, den ich in diesen Tagen aus der Berichterstattung heraus wahrnehme, beantwortet das so drängende „Wie lange noch?“ technisch nicht. Trotzdem wird er nicht selten als Antwort auf genau diese Frage eingesetzt: „Wir stehen immer noch ganz am Anfang.“ Sobald ich diesen Satz in diesen Tage höre, frage ich mich „Wie lange noch?“ – und die Katze beißt sich in den Schwanz.
Am Morgen lese ich ausnahmsweise mal wieder etwas intensiver ein paar aktuelle Meldungen und stolpere dabei über zwei neue Formulierungen. „Wenn jetzt die Beschränkungen aufgehoben werden, sind wir wieder ganz am Anfang“, sagt Viola Priesemann, eine Physikerin vom Göttinger Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation, die in einer Simulationsstudie die Auswirkungen der Kontaktsperren auf die Infektionszahlen untersucht hat.* Und der Brandenburger Ministerpräsident Dietmar Woidke konstatiert in Bezug auf die Debatte zur Lockerung der Regelungen: „Wir sind jetzt mittendrin in der Pandemie.“**
Also doch nicht mehr ganz am Anfang? Ich bin verwirrt und muss zugeben, dass mich die Rede vom „Anfang“ mittlerweile nervt. Durch das nicht absehbare „Ende“ fehlt einfach der Bezugsrahmen. Durch das nicht absehbare „Ende“ hat „ganz am Anfang“ einen ziemlich faden Beigeschmack. Vor 73 Tagen wurde erstmals eine Sars-CoV-2-Infektion in Deutschlang bestätigt. Vor 45 Tagen begann die Verbreitung im Kreis Heinsberg und das Wort „Quarantäne“ war plötzlich in aller Munde. Vor 24 Tagen wurden in Berlin und vielen anderen Bundesländern die Schulen geschlossen. Seit 23 Tagen pflege ich soziale Kontakte ausschließlich virtuell. Kann das wirklich noch „ganz am Anfang“ sein?
Ich werde unruhig und schiebe den Gedanken fürs erste beiseite. Heute ist Gründonnerstag, Ostern steht vor der Tür, Urlaub steht im Kalender und das Rennrad im Keller will bewegt werden. Nach der Brandenburg-Frustration vom Wochenende fahre ich heute wieder meine „Hausrunde“. Kronprinzessinnenweg, Havelchaussee, Heerstraße, Königsweg. Halb Straße, halb Radweg. Obwohl dieser direkt neben der Autobahn verläuft, ist es einer der besten und beliebtesten in Berlin (wenn nicht sogar der beste und beliebteste). Ich teile diese Einschätzung und bin trotzdem jedes Mal überrascht darüber, wie gering die Ansprüche an „gute“ Radwege in der Millionenstadt doch sein können – inkl. meine eigenen.
Der Radweg ist ziemlich dicht befahren, aber auf der Havelchaussee wird es ruhiger. Hier sind eigentlich fast nur noch Rennradfahrer unterwegs. Es ist eine der wenigen Straßen Berlins mit spürbaren Anstiegen. Das freut die Rennradler und lässt die Freizeitradler Abstand nehmen. In einfacher Ausführung umfasst meine Hausrunde 30 km, in doppelter 50 km, und am Ende bieten sich diverse Abstecher an, die in verschiedensten Längen zwischen 30 und 50 km resultieren. Ich entscheide mich heute für eine einfache Runde mit Abstecher über die Spinner-Brücke und durch Schlachtensee, sodass zurück zuhause 38 km auf dem Tacho stehen.
Beim Radfahren beschäftigen mich dann auch wieder ganz banale Dinge. So stelle ich unter anderem fest, dass das Elasthan in meiner Radhose sich langsam aufzulösen beginnt. Das ist mir schon nach der letzten Wäsche aufgefallen. Angesichts akuter Unlust, nach einer neuen Hose zu suchen, hatte ich es aber erstmal erfolgreich verdrängt. Jetzt sehe ich sie ganz deutlich, diese kleinen Gummipünktchen, die aus dem Stoff hervortreten und mir signalisieren, dass dieser wohl nicht mehr lang seine Form behalten wird. Wie bei den alten Badeanzügen, die man nach Jahren im Schrank genau aus diesem Grund aussortieren muss.
Die Radhose ist leider meine einzige, ich habe sie 2013 gekauft und habe sie seitdem auf vielen tausend Fahrradkilometern strapaziert. Zwar hatte ich zwischendurch durchaus mal nach einer zweiten zum Wechseln gesucht, gefunden habe ich bislang aber keine. So geht es mir mit unzähligen Lieblingsteilen. Klamotten, die ich seit 3, 5, 7 oder sogar seit 17 Jahren trage, füllen meinen Kleiderschrank und das liegt nicht daran, dass ich zu selten ausmiste, sondern daran, dass es mir so schwer fällt, sie zu ersetzen. Auf dem T-Shirt, das ich mir nach dem Duschen anziehe, steht der Name meines ehemaligen Gymnasiums. Ich war 12 oder 13 als diese T-Shirts gedruckt wurden. Das Schullogo auf dem Rücken ist lange nicht mehr aktuell und löst sich wie das Elasthan in der Radhose nach und nach auf. Zwei kleine Löcher sind mir zuletzt schon aufgefallen, heute entdecke ich am Ärmel ein weiteres.
So oder so ähnlich ging es mir in den vergangenen Monaten mit einigen Lieblingsteilen. Sie zollen dem Dauertragen Tribut, verlieren Form und Farbe und bekommen Löcher. Sie machen mich aufmerksam auf ihre Vergänglichkeit. Und ich wehre mich dagegen, diese Vergänglichkeit zu akzeptieren. Nicht, weil ich die alten Klamotten besonders schön finde. Der Spleen ist eigentlich nur darauf zurückzuführen, dass ich mich in ihnen zumindest einigermaßen wohl fühle, während ich mir in neuen Klamotten oft auf lange Zeit ziemlich verkleidet vorkomme. Nur selten habe ich in den letzten Jahren überhaupt neue Lieblingsteile gefunden. Also trage ich sie trotzig weiter, die löchrigen T-Shirts, formlosen Pullover und zerrissenen Hosen und schere mich nicht darum, wie (un)zuträglich dies meinem äußeren Erscheinungsbild ist und was andere darüber denken.
Und die Radhose? Die müsste wohl doch bald ersetzt werden. Mehr als das Wohlfühlen zählt hier die Funktionalität und in diesem Fall ist Vergänglichkeit leider nicht nur mit optischen Einbußen verbunden. Aber bislang steht die Auflösung des Elasthans ja noch „ganz am Anfang“. Die Frage ist nur: „Wie lange noch?“
* https://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/coronavirus-forscher-legen-erste-zahlen-zur-wirksamkeit-von-kontaktsperren-vor-a-f87cbd96-acb7-4013-8ae4-652b45008d65
** https://www.rbb24.de/politik/thema/2020/coronavirus/beitraege_neu/2020/04/woidke-brandenburg-warnung-lockerungen-ausgeangsbeschraenkungen.html
Der wohl häufigste Satz, den ich in diesen Tagen aus der Berichterstattung heraus wahrnehme, beantwortet das so drängende „Wie lange noch?“ technisch nicht. Trotzdem wird er nicht selten als Antwort auf genau diese Frage eingesetzt: „Wir stehen immer noch ganz am Anfang.“ Sobald ich diesen Satz in diesen Tage höre, frage ich mich „Wie lange noch?“ – und die Katze beißt sich in den Schwanz.
Am Morgen lese ich ausnahmsweise mal wieder etwas intensiver ein paar aktuelle Meldungen und stolpere dabei über zwei neue Formulierungen. „Wenn jetzt die Beschränkungen aufgehoben werden, sind wir wieder ganz am Anfang“, sagt Viola Priesemann, eine Physikerin vom Göttinger Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation, die in einer Simulationsstudie die Auswirkungen der Kontaktsperren auf die Infektionszahlen untersucht hat.* Und der Brandenburger Ministerpräsident Dietmar Woidke konstatiert in Bezug auf die Debatte zur Lockerung der Regelungen: „Wir sind jetzt mittendrin in der Pandemie.“**
Also doch nicht mehr ganz am Anfang? Ich bin verwirrt und muss zugeben, dass mich die Rede vom „Anfang“ mittlerweile nervt. Durch das nicht absehbare „Ende“ fehlt einfach der Bezugsrahmen. Durch das nicht absehbare „Ende“ hat „ganz am Anfang“ einen ziemlich faden Beigeschmack. Vor 73 Tagen wurde erstmals eine Sars-CoV-2-Infektion in Deutschlang bestätigt. Vor 45 Tagen begann die Verbreitung im Kreis Heinsberg und das Wort „Quarantäne“ war plötzlich in aller Munde. Vor 24 Tagen wurden in Berlin und vielen anderen Bundesländern die Schulen geschlossen. Seit 23 Tagen pflege ich soziale Kontakte ausschließlich virtuell. Kann das wirklich noch „ganz am Anfang“ sein?
Ich werde unruhig und schiebe den Gedanken fürs erste beiseite. Heute ist Gründonnerstag, Ostern steht vor der Tür, Urlaub steht im Kalender und das Rennrad im Keller will bewegt werden. Nach der Brandenburg-Frustration vom Wochenende fahre ich heute wieder meine „Hausrunde“. Kronprinzessinnenweg, Havelchaussee, Heerstraße, Königsweg. Halb Straße, halb Radweg. Obwohl dieser direkt neben der Autobahn verläuft, ist es einer der besten und beliebtesten in Berlin (wenn nicht sogar der beste und beliebteste). Ich teile diese Einschätzung und bin trotzdem jedes Mal überrascht darüber, wie gering die Ansprüche an „gute“ Radwege in der Millionenstadt doch sein können – inkl. meine eigenen.
Der Radweg ist ziemlich dicht befahren, aber auf der Havelchaussee wird es ruhiger. Hier sind eigentlich fast nur noch Rennradfahrer unterwegs. Es ist eine der wenigen Straßen Berlins mit spürbaren Anstiegen. Das freut die Rennradler und lässt die Freizeitradler Abstand nehmen. In einfacher Ausführung umfasst meine Hausrunde 30 km, in doppelter 50 km, und am Ende bieten sich diverse Abstecher an, die in verschiedensten Längen zwischen 30 und 50 km resultieren. Ich entscheide mich heute für eine einfache Runde mit Abstecher über die Spinner-Brücke und durch Schlachtensee, sodass zurück zuhause 38 km auf dem Tacho stehen.
Beim Radfahren beschäftigen mich dann auch wieder ganz banale Dinge. So stelle ich unter anderem fest, dass das Elasthan in meiner Radhose sich langsam aufzulösen beginnt. Das ist mir schon nach der letzten Wäsche aufgefallen. Angesichts akuter Unlust, nach einer neuen Hose zu suchen, hatte ich es aber erstmal erfolgreich verdrängt. Jetzt sehe ich sie ganz deutlich, diese kleinen Gummipünktchen, die aus dem Stoff hervortreten und mir signalisieren, dass dieser wohl nicht mehr lang seine Form behalten wird. Wie bei den alten Badeanzügen, die man nach Jahren im Schrank genau aus diesem Grund aussortieren muss.
Die Radhose ist leider meine einzige, ich habe sie 2013 gekauft und habe sie seitdem auf vielen tausend Fahrradkilometern strapaziert. Zwar hatte ich zwischendurch durchaus mal nach einer zweiten zum Wechseln gesucht, gefunden habe ich bislang aber keine. So geht es mir mit unzähligen Lieblingsteilen. Klamotten, die ich seit 3, 5, 7 oder sogar seit 17 Jahren trage, füllen meinen Kleiderschrank und das liegt nicht daran, dass ich zu selten ausmiste, sondern daran, dass es mir so schwer fällt, sie zu ersetzen. Auf dem T-Shirt, das ich mir nach dem Duschen anziehe, steht der Name meines ehemaligen Gymnasiums. Ich war 12 oder 13 als diese T-Shirts gedruckt wurden. Das Schullogo auf dem Rücken ist lange nicht mehr aktuell und löst sich wie das Elasthan in der Radhose nach und nach auf. Zwei kleine Löcher sind mir zuletzt schon aufgefallen, heute entdecke ich am Ärmel ein weiteres.
So oder so ähnlich ging es mir in den vergangenen Monaten mit einigen Lieblingsteilen. Sie zollen dem Dauertragen Tribut, verlieren Form und Farbe und bekommen Löcher. Sie machen mich aufmerksam auf ihre Vergänglichkeit. Und ich wehre mich dagegen, diese Vergänglichkeit zu akzeptieren. Nicht, weil ich die alten Klamotten besonders schön finde. Der Spleen ist eigentlich nur darauf zurückzuführen, dass ich mich in ihnen zumindest einigermaßen wohl fühle, während ich mir in neuen Klamotten oft auf lange Zeit ziemlich verkleidet vorkomme. Nur selten habe ich in den letzten Jahren überhaupt neue Lieblingsteile gefunden. Also trage ich sie trotzig weiter, die löchrigen T-Shirts, formlosen Pullover und zerrissenen Hosen und schere mich nicht darum, wie (un)zuträglich dies meinem äußeren Erscheinungsbild ist und was andere darüber denken.
Und die Radhose? Die müsste wohl doch bald ersetzt werden. Mehr als das Wohlfühlen zählt hier die Funktionalität und in diesem Fall ist Vergänglichkeit leider nicht nur mit optischen Einbußen verbunden. Aber bislang steht die Auflösung des Elasthans ja noch „ganz am Anfang“. Die Frage ist nur: „Wie lange noch?“
* https://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/coronavirus-forscher-legen-erste-zahlen-zur-wirksamkeit-von-kontaktsperren-vor-a-f87cbd96-acb7-4013-8ae4-652b45008d65
** https://www.rbb24.de/politik/thema/2020/coronavirus/beitraege_neu/2020/04/woidke-brandenburg-warnung-lockerungen-ausgeangsbeschraenkungen.html
Donnerstag, 9. April 2020
Isolation, Tag 22: Zufrieden unzufrieden
„Und was machst du so?“ fragen wir uns und wir teilen unsere Erfahrungen über Messenger, auf Blogs, in Podcasts, in Videos, … Und heute gibt es nicht viel zu berichten. Einen weiteren Tag lebe ich so ins Blaue hinein. Gehe laufen, sitze auf dem Balkon, verpflege die Pflänzchen und lasse die Zeit verstreichen. Das hat zur Folge, dass ich einen von 13 bis 14 Uhr angesetzten Workshop verpasse, weil ich im Kopf hatte, dass er von 14 bis 15 Uhr stattfinden soll und mich nicht bemüht habe, noch einmal nachzusehen. Egal, der Workshop war freiwillig, offiziell habe ich eh Urlaub und in diesem Fall könnte ich mir im Nachhinein sogar die Aufzeichnung ansehen. Die im gestrigen Beitrag angeteaserte Videokonferenz klappt heute aber. Zeitgleich hätte zwar eine andere Besprechung stattfinden sollen, die ich bei der Planung vergessen hatte, aber ich habe Glück: Da einige andere Teilnehmer absagen, wird die Runde insgesamt auf nächste Woche verschoben. Diesen und weitere Termine für nächste Woche notiere ich mir heute mal nicht nur gedanklich und hoffe, dadurch zu vermeiden, sie nicht auch zu versäumen.
Am Abend schreibe ich einen Artikel für den Blog, bin mit dem ersten Versuch allerdings erstmals so unzufrieden, dass ich mich entschließe, ihn in dieser Form nicht zu veröffentlichen. Das Thema möchte ich nach wie vor aufgreifen, aber über die Wortwahl muss ich noch einmal nachdenken und auf den Punkt, auf den sie hinauslaufen sollte, bin ich auch nicht gekommen.
Wie die Wortwahl des Blogartikels verwerfe ich dann auch einen großen Teil der Worte, die ich heute in das Manuskript getippt habe, an dem ich gerade arbeite. Aus drei getexteten Absätzen streiche ich am Ende so viel heraus, dass magere drei Sätze stehen bleiben. „So geht das wohl mit dem Einkürzen“, denke ich und sehe den Verlust von Text zumindest teilweise auch positiv. ‚Einkürzen‘ fiel mir doch bislang noch so schwer. Heute scheint es ganz einfach zwischen relevanten und (interessanten aber) irrelevanten Inhalten zu unterscheiden und letztere herauszustreichen.
Die drei Sätze, die übrig bleiben, wirken dann allerdings doch etwas frustrierend und ich bin unzufrieden angesichts meiner unstrukturierten Arbeitsweise und des langsamen Vorankommens. „Was soll’s?“, denke ich mir wie schon so oft in diesen Tagen in diesem Kontext (Arbeit an der Dissertation) und speichere die gestrichenen Textabschnitte in einem extra Dokument zum Aufbewahren. Für irgendetwas könnten sie ja doch noch gut sein. Das Manuskript hingegen soll in sich schlüssig sein und eine klare Linie verfolgen, „der Leser muss an die Hand genommen werden“ hieß es seitens der Koautorin – natürlich noch vor Corona.* Die Sätze, die stehen geblieben sind, scheinen diesem Plan gerecht zu werden. Zufrieden unzufrieden beende ich also die Arbeit und beschließe den Tag. Vielleicht gelingen ja morgen vier Sätze.
* Bei der Erinnerung an diese Aussage, beginne ich ein ums andere Mal zu sinnieren, wann wir uns wohl wieder ohne seltsames Gefühl und Gedanken an Viren und Infektionsketten die Hand schütteln werden. Aber das ist ein anderes Thema... Für einen anderen Beitrag...
Am Abend schreibe ich einen Artikel für den Blog, bin mit dem ersten Versuch allerdings erstmals so unzufrieden, dass ich mich entschließe, ihn in dieser Form nicht zu veröffentlichen. Das Thema möchte ich nach wie vor aufgreifen, aber über die Wortwahl muss ich noch einmal nachdenken und auf den Punkt, auf den sie hinauslaufen sollte, bin ich auch nicht gekommen.
Wie die Wortwahl des Blogartikels verwerfe ich dann auch einen großen Teil der Worte, die ich heute in das Manuskript getippt habe, an dem ich gerade arbeite. Aus drei getexteten Absätzen streiche ich am Ende so viel heraus, dass magere drei Sätze stehen bleiben. „So geht das wohl mit dem Einkürzen“, denke ich und sehe den Verlust von Text zumindest teilweise auch positiv. ‚Einkürzen‘ fiel mir doch bislang noch so schwer. Heute scheint es ganz einfach zwischen relevanten und (interessanten aber) irrelevanten Inhalten zu unterscheiden und letztere herauszustreichen.
Die drei Sätze, die übrig bleiben, wirken dann allerdings doch etwas frustrierend und ich bin unzufrieden angesichts meiner unstrukturierten Arbeitsweise und des langsamen Vorankommens. „Was soll’s?“, denke ich mir wie schon so oft in diesen Tagen in diesem Kontext (Arbeit an der Dissertation) und speichere die gestrichenen Textabschnitte in einem extra Dokument zum Aufbewahren. Für irgendetwas könnten sie ja doch noch gut sein. Das Manuskript hingegen soll in sich schlüssig sein und eine klare Linie verfolgen, „der Leser muss an die Hand genommen werden“ hieß es seitens der Koautorin – natürlich noch vor Corona.* Die Sätze, die stehen geblieben sind, scheinen diesem Plan gerecht zu werden. Zufrieden unzufrieden beende ich also die Arbeit und beschließe den Tag. Vielleicht gelingen ja morgen vier Sätze.
* Bei der Erinnerung an diese Aussage, beginne ich ein ums andere Mal zu sinnieren, wann wir uns wohl wieder ohne seltsames Gefühl und Gedanken an Viren und Infektionsketten die Hand schütteln werden. Aber das ist ein anderes Thema... Für einen anderen Beitrag...
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