Montag, 21. September 2020

Montag

Montage sind ja immer so eine Sache. Bei mir entscheidet sich oft schon am Morgen, wie der Rest der Woche verlaufen wird. Gestern hatte ich mir ein paar Pläne gemacht, Montag und Dienstag wollte ich auf jeden Fall ins Büro fahren. Als der Wecker klingelt, zögere ich trotzdem. Ich muss ja nicht, heute stehen eine Videokonferenz und die Vorbereitung einer Präsentation für die nächste Tagung auf der Agenda, beides könnte ich auch von zuhause aus machen. Im Büro werde ich nicht erwartet.

In diesen Momenten verfluche ich das Home-Office. Ich frage mich, ob uns diese Freiheit irgendwann wieder genommen wird, ob die Arbeitnehmer irgendwann wieder verstärkt dazu angehalten werden, ihre Arbeit im Büro zu verrichten. Ich vermute ja, dass die Leute zuhause etwas weniger arbeiten, als es „früher“ im Büro der Fall gewesen ist. Aber vielleicht schließe ich da auch vorschnell von mir auf andere. Und vielleicht ist die Arbeit zuhause auch einfach effektiver. Man sitzt weniger Zeit vorm Rechner ab, ohne wirklich etwas zu tun, weil man in solchen Momenten eher unterbricht und die Arbeit zu einem späteren Zeitpunkt fortführt, an dem man wieder konzentriert, kreativ und produktiv ist. Kontrollierbar ist das natürlich alles nicht und wahrscheinlich werden die meisten Arbeitgeber erst reagieren, wenn begründet Misstrauen besteht bzw. sich herausstellt, dass Arbeitnehmer bestimmte Tätigkeiten im Home-Office nicht zuverlässig verrichten (können).

Ich genieße die Freiheit, wünsche mir aber oft auch wieder ein bisschen mehr Kontrolle oder Verbindlichkeit. Wenn ich weiß, dass ich im Büro erwartet werde, verhindert das, dass ich morgens einfach liegen bleibe, den Tag verstreichen lasse und mich erst irgendwann am Abend an die Arbeit setze. Dabei weiß ich genau, dass diese abendlichen Arbeitsphasen mir nicht gut tun und ich besser beraten bin, den Tag für die Arbeit und den Abend zur Entspannung zu nutzen.

Heute schaffe ich es, mich selbst zu ermuntern, bei meinen gefassten Plänen zu bleiben. Ich stehe also auf, packe meine Sachen, fahre ins Büro und widme mich der Präsentation. Es läuft gut, ich bin zufrieden mit dem Ergebnis und sogar die Videokonferenz, auf die ich zunächst gar keine große Lust hatte, ist inhaltlich interessant und es wird rege diskutiert. Ich arbeite fünf Stunden ohne größere Unterbrechung und mache wie geplant um 16 Uhr Feierabend.

Den Plan für den Nachmittag muss ich dann aber doch spontan anpassen. Der Laden, in dem ich heute das Geburtstagsgeschenk für meine Mutter abholen wollte, hat Montag geschlossen. Die Verabredung, die ich für morgen getroffen habe, kann ich aber auf heute verschieben. Wir sitzen gemütlich auf dem Wilmersdorfer Balkon, quatschen bis in den Abend hinein über Gott und die Welt und sind ein ums andere Mal dankbar über den gegenseitigen Austausch.

Und abends? Schreibe ich nur noch eine Mail, recherchiere nur noch einen Artikel, schaue mir nur noch ein Dokument durch und erinnere mich dann daran, dass ich ja Feierabend machen wollte und das alte Sofa dafür der bessere Ort ist als der noch ältere Schreibtischstuhl.

Sonntag, 20. September 2020

Aufwärtstrend?

Nach dem Familienbesuch verging eine weitere Woche mit Hochs und Tiefs. Je nach Verfassung, Tageszeit, Laune und Wetter bin ich mal voller Zuversicht und mal völlig verzweifelt, aber immer in einem wackeligen Stadium. Ich rede mir gut zu mit „Am Ende wird alles gut – wenn es noch nicht gut, ist es noch nicht das Ende.“ und frage mich kurz darauf doch wieder „Wann ist der Mist endlich zu Ende?“

Das Gute an Stimmungsschwankungen ist, dass es nach dem „Abwärts“ immer wieder „Aufwärts“ geht. Im Laufe der Woche stelle ich zum x-ten Mal mein Manuskript fertig und bekomme endlich auch das „Okay“ von den KoautorInnen. Es ist ein gutes Gefühl, dieses Projekt endlich abschließen zu können – jetzt heißt es: Einreichen und auf die Gutachten warten. Das kann dauern. Ich stelle mich auf sechs Monate ein, die durchschnittliche Bearbeitungszeit bei der gewählten Zeitschrift. Sie wird meine Geduld ein weiteres Mal ganz schön herausfordern.

Trotzdem fühle ich mich nach dem Fertigstellen des Manuskriptes erstmal befreit und erleichtert. In Bezug auf die Arbeit heißt es jetzt: Neu sortieren, neue Aufgaben und einen neuen Fokus wählen, Teilschritte planen, neu strukturieren. Nicht ganz einfach, aber machbar. Mittwoch und Donnerstag nehme ich dann noch teilweise Teil an meiner ersten „Online-Tagung“. Delegationen aus der Slowakei und Estland interessieren sich für das Institut und seine Machenschaften in Sachen Bildungsmonitoring und ich habe mich mehr oder weniger freiwillig bereit erklärt, meinen Projektbereich vorzustellen. Der Vortrag läuft gut, die Anonymität der Videokonferenz ist trotzdem eher ernüchternd und ich frage mich, wann wohl wieder die ersten größeren Präsenzveranstaltungen stattfinden werden können. Die nun doch wieder deutlicher steigenden Fallzahlen machen mir da leider wenig Hoffnung und die allgemeine Sorge über zu viel Sorglosigkeit wächst angesichts der Neuigkeit, dass ausgerechnet Würzburg in ganz Deutschland zeitweise am stärksten betroffen ist.

Abschalten kann ich in diesen Tagen beim Radfahren und Tour de France gucken. Letzteres war schon lange nicht mehr so spannend wie in diesem Jahr und zu ersterem motiviert mich mein sportlicher Ehrgeiz und die Stadtradeln-Aktion. Am Donnerstag fahre ich 40 km in 1:27 h bzw. in einem 27 km/h Schnitt – absolute Bestzeit! Und ich lese endlich wieder regelmäßig, v. a. am Abend, manchmal auch morgens. Eines der beiden Bücher, die ich zuletzt gekauft habe, habe ich bereits durchgelesen, das andere – Stand heute – fast zur Hälfte.

Am Samstag findet das Kennenlerngespräch für die Bildungspatenschaft statt. Regulär hätte ich deutlich länger warten müssen, aber es ist spontan ein Termin freigeworden, den ich mir gut einrichten konnte. Nach dem Gespräch bin ich nervös: Bin ich der Aufgabe wirklich gewachsen? Schaffe ich es, den Anforderungen gerecht zu werden? Einerseits habe ich wirklich Lust, mal wieder Nachhilfe zu geben. Und ich bin gespannt darauf, wie das in diesem ehrenamtlichen Setting sein wird, und wie es sich von meiner bisherigen Nachhilfe-Erfahrung, die fast ausschließlich in sozial privilegierten Familien und irgendwelchen Villen am Wannsee stattgefunden hat, unterscheidet. Andererseits habe ich großen Respekt davor und frage mich, ob ich es gut hinbekomme, dem Kind bzw. der Familie auf Augenhöhe zu begegnen und meine Berührungsängste abzulegen.

Im Anschluss gibt es ein Eis in meiner Lieblingseisdiele und einen ausgiebigen Spaziergang mit meinem Onkel. Wie sind schon ganz schön k.o. als wir feststellen, dass wir noch ein ordentliches Stück zurück zur Wohnung laufen müssen, und amüsieren uns herrlich dabei, alle fünf Minuten „Ist es noch weit?“ zu stöhnen und über diverse alternative Fortbewegungsmittel nachzudenken, bis wir schließlich wieder an seiner Wohnung ankommen. (Zu Fuß natürlich!)

Sonntag bleibe ich zunächst lange liegen und mache am späten Nachmittag dann eine weitere lange Radtour. Es ist warm, die Sonne strahlt, aber die gelben Blätter, die durch die Luft wirbeln oder bereits am Boden liegen, lassen keine Zweifel daran, dass der Herbst angebrochen ist. Ich bin gespannt, was er bringen wird. Heftige Herbststürme wie 2017, als in Berlin reihenweise die Bäume umknickten? Ein goldener Oktober wie 2018, als es Mitte den Monats noch warm genug zum Eis essen in kurzen Hosen war? Oder so ein „Zwischending“ wie letztes Jahr?

In Bezug auf meine wackelige Gefühlslage überwiegt zum Ende der Woche zumindest die Zuversicht und ich denke, dass ich mit allen drei Szenarien schon irgendwie klar kommen werde. „Es kommt wie’s kommt.“ und „Es muss ja.“ sage ich mir, putze die Zähne und gehe ins Bett, um noch ein bisschen zu lesen.

Samstag, 12. September 2020

Depression, Weltschmerz, Familienbesuch und Tatendrang

Die letzten Tage waren aufwühlend. Zu Beginn der Woche ging es mir gar nicht gut und ich habe mich krank gemeldet. Aus dem Bett bin ich nur sehr schwer gekommen, zu sehr hing ich in einer Spirale von Negativgedanken fest mit dem Gefühl, es lohnt sich nicht, aufzustehen und dagegen anzukämpfen.

Dann erreichen mich die Nachrichten von den Bränden im Flüchtlingslager Moria auf der Insel Lesbos. Die Bilder überfordern mich, es fällt schwer sie einzuordnen. Mein eigenes Leid, meine Sorgen, meine Befindlichkeiten, meine Unzufriedenheit kommen mir plötzlich so belanglos vor. Habe ich das Recht, mich in meiner – im Vergleich zu weiten Teilen der Weltbevölkerung – überaus privilegierten Situation „schlecht“ zu fühlen? Mich zu beklagen? Um Hilfe zu bitten?

Was sollen dann erst die Menschen sagen, die ohnehin schon wochen-, monate-, jahrelang ohne echte Existenzgrundlage leben? Die in völliger Ungewissheit vor dem „Nichts“ standen und nun – von heute auf morgen – vor noch viel mehr „Nichts“ stehen. Klar ist: Wir haben alle unsere Sorgen, Stress auf der Arbeit, physische, psychische oder psychosomatische Beschwerden, finanzielle Nöte, … die Liste könnte beliebig fortgeführt werden. Aber da sind unschuldige Menschen in Not von jetzt auf gleich in eine noch viel größere Notlage geraten, aus der sie sich aus eigener Kraft wohl kaum befreien können.

Ich verfolge die Nachrichten in der Hoffnung, auf hoffnungsvolle Bekanntgaben. Die Bundesregierung wird helfen, deutsche Kommunen werden Flüchtlinge aus Moria aufnehmen. Schnell soll es gehen und es sollen mehr sein als ursprünglich geplant, sagen die einen. Aber: Es braucht eine „europäische Lösung“. Es muss schneller gehen, es sind immer noch zu wenig, Deutschland soll eigenständig handeln, sagen die anderen.

Ich fühle mich nicht informiert genug, um zu urteilen über Recht und Unrecht der einen oder der anderen. Gleichzeitig drängt sich mir das Gefühl auf, dass in diesem Fall kaum über Recht und Unrecht entschieden werden kann. Zu viele Zusammenhänge sind zu beachten, zu viele Interessen wollen vertreten werden, zu viele Personengruppen sind beteiligt, zu viele Auswirkungen müssen abgeschätzt werden. Mit welcher Haltung begegnen wir Menschen in Not? Und wie können wir verhindern, dass immer mehr Menschen ihre Existenzgrundlage verlieren? Das sind wohl mit die größten Fragen der Gegenwart. Einfache Antworten gibt es nicht.

Ich habe weder die mentale Stärke vor Ort zu helfen, noch bin ich gewillt, mich hier politisch zu engagieren oder auf die Straße zu gehen und zu demonstrieren. Ich habe ja gar keine klare Meinung, was denn nun „getan“ werden soll, getan werden kann, getan werden muss. Man müsste was tun, denke ich mir, und im selben Atemzug frage ich mich: Was kann ich schon tun? Und wird es nicht immer weiter Elend, Krankheit, Krieg und Armut geben? Sind humanitäre Katastrophen wie diese überhaupt zu verhindern? Und wenn ja, werden wir dann nicht eh von anderen eingeholt? Attentate/Terroranschläge, Naturkatastrophen, die Corona-Pandemie … die Nachrichten sind doch schon lange voll von bedrohlichen Ereignissen. Vergessen wir sie zu schnell und handeln wir zu wenig? Die Explosion im Hafen von Beirut ist gerade mal einen Monat her und hierzulande schon fast kein Thema mehr, obwohl der Hafen noch lange in Trümmern liegen wird. Da wo es am stärksten brennt, schauen wir hin – so funktionieren unsere Medien. Oder ist vergessen, verdrängen, sich nicht verantwortlich fühlen, vielleicht doch die beste Strategie, um das Gefühl von Hilflosigkeit zu umgehen und den Weltschmerz irgendwie zu ertragen? Und wenn ja, „darf“ man das?

Am Wochenende ist meine Familie zu Besuch in Berlin. Wir haben ein paar Unternehmungen geplant, werden die Gärten der Welt in Marzahn besichtigen, im Frohnauer Umland wandern, über den Markt in Zehlendorf schlendern. Ich bemühe mich, die Zeit zu genießen, mich auf die Gesellschaft, die Gespräche, das Programm ein- und meine Schwermut für eine Weile loszulassen. Es fällt mir auch an diesen Tagen schwer, aufzustehen und dem Abendprogramm entziehe ich mich zumindest an zwei von drei Tagen. Aber ansonsten gelingt es mir wohl einigermaßen, mich zu beteiligen. Depression ist auch: Aufstehen, Zähne putzen, arbeiten, Sport machen, Freunde/Familie treffen, über Scherze lachen. Funktionieren, sich nichts anmerken lassen / sich zusammenreißen einerseits, und andererseits die Gunst der Stunde und/oder kleine Energieschübe nutzen, um sich selbst ein wenig abzulenken. Das ist immer anstrengend, aber es sind auch immer sehr wertvolle und schöne Momente, die wir miteinander erleben, und ich bin jedes Mal dankbar über das große Verständnis, das mir und meinen Stimmungen dabei entgegengebracht wird.

In den Gesprächen kann ich auch ein paar meiner Gedanken über die Katastrophe auf Lesbos teilen. Das Gefühl, etwas tun zu wollen. „Es gibt nichts Gutes. Außer: Man tut es“ – mein Vater zitiert Erich Kästner und überlegt, etwas Geld an eine Hilfsorganisation zu spenden. Und ich treffe am Abend die Entscheidung, mich bei einer Organisation anzumelden, die Bildungspatenschaften zwischen Ehrenamtlichen und sozial benachteiligten Schülern*innen mit Migrationshintergrund vermittelt. Die Welt werde ich damit nicht verändern, das ist mir bewusst. Vielleicht aber meine Weltsicht, mein Gefühl, nichts bewirken zu können, mit meinem Handeln keinen sinnvollen Beitrag für eine bessere Welt zu leisten.

Direkt im Anschluss erhalte ich eine automatisch generierte Willkommens-Mail mit einer Bestätigung der Anmeldung und der Aufforderung, über das Online-Terminbuchungstool einen Termin für ein Kennenlerngespräch zu vereinbaren. Und nun bin ich tatsächlich aufgeregt und ganz gespannt, auf dieses neue Projekt. Dieses Gefühl hatte ich schon lange nicht mehr.

Freitag, 4. September 2020

Herbstanfang

Ich war eine Woche bei meinen Eltern – am Wochenende haben wir meine Oma besucht. Das war schön, die Gesellschaft und insbesondere die Treffen mit den engsten Freundinnen waren sehr wertvoll. Trotzdem bin ich nicht uneingeschränkt gut drauf, die Arbeit bzw. damit verbundene Frustration, Unsicherheit und Meinungsverschiedenheiten belasten mich.

Pünktlich zum meteorologischen Herbstanfang kündigt sich Herbstwetter an. Es ist ein paar Tage regnerisch und schlagartig deutlich kühler. Ich mag das – zu viel Regen muss natürlich nicht sein, aber mit diesen superheißen Sommertagen kann ich auch nicht besonders viel anfangen. Lieber sind mir solche, an denen die Luft klar und kühl ist, aber es noch ausreicht, tagsüber Pullover und am Abend eine dünne Jacke zu tragen.

„Nichts stürzt das deutsche Volk in derart große Verwirrung wie das  Übergangswetter zwischen zwei Jahreszeiten. Man sieht Helmut mit Kurzarmhemd und Sandalen neben Gisela in Winterjacke und Wollschal. Alles ist möglich. Alles ist erlaubt.“ lese ich in einem Sozialen Netzwerk und muss schmunzeln. Zumindest diesbezüglich hält sich meine Verzweiflung in Grenzen.

Dieser Jahreszeitenwechsel ist trotzdem anders. Da stehen wir nun – nach dem Frühling im Lockdown und dem Sommer im Lockerungswahn – im Kopf irgendwie noch immer Mitte März hängen geblieben, mit den Füßen aber auf dem Boden der Gegenwart. Zwischen August und September, zwischen Sommer und Herbst. Ein Herbst, bei dem wir alle nicht so recht wissen, was uns erwarten wird.

Die meisten haben sich an das Tragen von Alltagsmasken gewöhnt. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich sie das letzte Mal beim Verlassen des Hauses vergessen habe. Diejenigen, die sich über das Tragen der Masken echauffieren und zum Sturm auf Berlin aufrufen, stellen glücklicherweise die Minderheit. So eine randalierende rechtspopulistische Minderheit ist natürlich nicht klein zu reden, aber allemal besser als eine randalierende rechtspopulistische Mehrheit.

Zum Sommerende stiegen die Fallzahlen wieder deutlich. Von zeitweise nur 500-700 registrierten Neuinfektionen pro Tag über 1000, 1200, 1500 bis zuletzt wieder knapp über 2000. Ich mache mir Sorgen, auch wenn die Zahlen mit dem voranschreitenden Ende der Sommerferien wieder etwas gesunken sind und vor allem die Zahl der Erkrankten mit schweren Verläufen niedrig geblieben ist.

In verschiedenen Quellen heißt es, dass Mitte des nächsten Jahres mit einem Impfstoff gerechnet werden kann. Ich versuche mich gedanklich darauf einzustellen, dass diese „neue Normalität“ bis dahin Bestand haben wird. Mit den aktuellen Einschränkungen kann ich leben, die Sorge vor Infektionen innerhalb des Familien-, Freundes- und Bekanntenkreises, die ggf. schlimmere Folgen haben könnten, bleibt aber bestehen.

Trotz allem freue ich mich auf den Herbst. Es ist gemütlich, wenn der Regen aufs Dach meiner Dachgeschosswohnung prasselt, während ich im Bett liege, Videos gucke oder lese. Heute habe ich mir zwei neue Bücher gekauft und mir vorgenommen, dies in nächster Zeit wieder regelmäßiger zu tun.

Die Regenzeiten der letzten zwei Tage beschränken sich auf die Nacht, den Vormittag und den Abend. Ich bleibe lange liegen, schaue Tour de France und erledige meine Projektarbeit aus dem Bett heraus.  Am späten Nachmittag setze ich mich selbst noch aufs Rennrad. Das „Stadtradeln“ – eine bundesweite Aktion, bei der es darum geht, 21 Tage lang möglichst viele Wege klimafreundlich mit dem Fahrrad zurückzulegen – findet dieses Jahr aufgrund von Corona im September statt. Ich bin motiviert, zumindest in die Nähe meiner Leistung aus dem letzten Jahr (> 800 geradelte Kilometer) zu kommen und hoffe auf entsprechend genug Wechsel zwischen Regen- und Trockenzeiten.

In Hinblick auf die Arbeit möchte ich mich darauf besinnen, mich einerseits von unnötigen Verantwortungsgefühlen hinsichtlich der Projektarbeit zu befreien und andererseits, meine Bedürfnisse und Meinungen in Bezug auf den umstrittenen Dissertations-Artikel offen und deutlich zu kommunizieren. Inwieweit das gelingt und inwiefern es bei den KollegInnen ankommt, wird sich zeigen...

Sonntag, 9. August 2020

Es gibt solche und solche

Sonntag. Ich bin nicht anders drauf als Samstag. Es ist immer noch heiß, sogar noch etwas heißer als gestern. Die für den Nachmittag angekündigte Gewitterfront wird heute wohl doch an Berlin vorbeiziehen.

„Es gibt solche und solche“ ist so ein Standardspruch von einer Freundin, wenn es um Unterschiede zwischen Menschen geht. Es gibt diejenigen, die in diesen Tagen fröhlich am See, am Meer oder im Schwimmbad den Sommer genießen und diejenigen, die alle Jalousien herunterlassen oder Vorhänge zuziehen und Trübsal blasen. Den Fernsehbildern voll voller Badeorte zufolge stellt die erste Sorte wahrscheinlich die Mehrheit, ich zähle leider zur zweiten Sorte.

Bis in den Nachmittag hinein schlafen klappt heute nicht noch einmal und so liege ich erstmal im Bett und versuche, mich so wenig wie möglich zu bewegen. Ich bin ganz froh, dass mich heute im Laufe des Tages keine Nachrichten erreichen und ich in meiner Inaktivität nicht mit der Aktivität anderer konfrontiert bin.

Um ein Haar wäre ich also ein weiteres Mal bis zum Abend einfach liegen geblieben. Irgendwann entscheide ich dann doch, mich aufzuraffen und noch eine Runde auf dem Rennrad zu drehen. 35 Grad Außentemperatur meldet der Außentemperatursensor, aber es weht ein leichter Wind und die Fahrt auf der schattigen Straße entlang der Havel ist trotz Hitze zu ertragen.

Zurück zu Hause reicht der Energieschub sogar noch, um eine Waschmaschine anzuwerfen und zwei Telefonate zu führen, danach schwitze ich einfach noch eine Weile auf dem Sofa vor mich hin und hoffe, dass die Temperaturen in der kommenden Woche wieder etwas sinken und die Stimmung sich wieder etwas heben wird.

Samstag, 8. August 2020

Depression und Hitzewelle

 Samstag. Es ist heiß geworden. Hoch Detlef bringt eine Woche Hochsommer nach Deutschland, danach soll es abkühlen, die Medien sprechen gar schon von Frühherbst. Nach meinem Stimmungshoch am Mittwoch, kam der gefühlsmäßige Frühherbst schon zum Ende der Woche. Himmelhoch jauchzend – zu Tode betrübt. Ob mich diese Schwankungen mein Leben lang begleiten werden?

Ich kann gar nicht sagen, was los war oder passiert ist. Vielleicht waren es Kleinigkeiten, die mich im Laufe des Donnerstages aus der Bahn geworfen haben. Vielleicht wäre es auch ohne diese Kleinigkeiten so gekommen. Am Vormittag hielt ich als Videokonferenz eine Excel-Schulung für ein paar neue Mitarbeiter*innen. Ich mache so etwas wirklich gerne, aber in diesem Fall war es etwas ernüchternd. Ich sprach 90 Minuten gegen den Bildschirm, trotz meiner Ermunterung, mich jederzeit zu unterbrechen, um Rückfragen zu stellen, meldete sich im Laufe der Sitzung nur eine Teilnehmerin zu Wort. Auch auf meine Zwischenfragen, ob soweit alles verständlich war, erhielt ich leider keine Rückmeldungen. Den Teilnehmer*innen möchte ich das nicht zum Vorwurf machen. Aber ich vermisse die Zeit, in der wir zu Schulungen den großen Besprechungsraum gebucht, Laptops aufgebaut und für alle Kaffee gekocht haben, und in denen man die Teilnehmer*innen während der Schulung Übungen machen lassen, ihnen dabei über die Schulter schauen und ggf. unterstützen konnte. Das werde ich bis zum Ende meiner Zeit am Institut wahrscheinlich nicht mehr erleben.

Nach der Schulung mache ich draußen im Freien eine lange Nachmittagspause mit einer unseren studentischen Mitarbeiter*innen, die zum ersten Mal seit Mitte März wieder vor Ort arbeitet. Wir unterhalten uns gut und es ist schön, wieder die Möglichkeit zu direktem Kontakt zu haben. Aber auch hier bleibt ein gedämpftes Gefühl. Mir fehlen die Teamsitzungen, der Austausch, die Normalität, Struktur und Planbarkeit. Im September sollen in den Schulen wieder Aufgabenerprobungen stattfinden, normalerweise sind die Erprobungszeiträume und alle damit verbundenen Termine bis zu 2 Jahren im Voraus festgelegt. Wegen der Unsicherheit durch Corona und hinzukommender Personalwechsel konnte aktuell aber kaum etwas geplant werden und ich bin besorgt, dass dieses Versäumnis in den kommenden Wochen zum Problem wird. Zudem fühle ich mich verantwortlich, obwohl ich nicht verantwortlich bin und habe Angst, im Nachhinein verantwortlich gemacht zu werden.

Und dann ist da noch das Manuskript zur dritten Teilstudie der Dissertation. Das bald eingereicht werden soll bei einer Zeitschrift, bei der das Manuskript zur zweiten Studie abgelehnt wurde. Sorgen diesbezüglich habe ich mehrfach geäußert, aber sie finden nur wenig Gehör. Es muss diese Zeitschrift sein und es wird bestimmt alles anders laufen. Man hat ja aus den Fehlern gelernt, das Thema passt besser und überhaupt: das Manuskript ist doch schon richtig richtig super. Am Donnerstag kommt das Manuskript von einer weiteren Durchsicht der Koautor*innen zurück und in der Mail dazu steht sowas wie: „Für die [Zeitschrift] wird dann sicher (wieder) der Knackpunkt sein, ob sie die theoretischen Argumente abkaufen. Ich finde sie aber gut so und würde sie auch so lassen. Trotzdem könnte (…)“ Und trotz der auch hier enthaltenen Anmerkung, dass das Manuskript „schon sehr gelungen“ ist und der Tatsache, dass am Text selber nur wenige Änderungsvorschläge gemacht wurden, lese ich nur diese drei Sätze und denke den Rest des Tages: Wenn dieses Manuskript abgelehnt wird, hat sich das Thema Promotion für mich erledigt. Sechs Monate dauert es bei der Zeitschrift der Wahl im Schnitt bis zur Entscheidung über Annahme oder Ablehnung. In neun Monaten sollte die Dissertation im Wesentlichen fertig sein. Ein zweites Mal ein Manuskript für eine andere Zeitschrift in großen Teilen umzuschreiben und neu einzureichen, kommt da kaum in Frage. Kein Wunder also, dass bei der oben zitierten Anmerkung Panik aufkommt. Zumal mir diese auch wieder in Erinnerung ruft, dass das zweite Manuskript von der zweiten Zeitschrift, bei der wir versuchen es unterzubringen, ja auch noch nicht angenommen wurde …

Donnerstagabend bin ich schlecht drauf, Freitag widme ich mich dann den letzten Änderungsvorschlägen im Manuskript und hoffe, dass es bei der institutsinternen finalen Abnahme abgenommen wird. Und Samstag? Samstag möchte ich mal wieder nicht aufstehen. Wozu auch? Es ist heiß, mir graut es davor, nach draußen zu gehen. Ich habe nachts gut gelüftet und gegen 5 Uhr früh alles abgedunkelt, sodass es in der Wohnung immerhin unter 30 Grad bleibt. Ich bin innerlich leer und ausgelaugt, fühle mich unwohl, möchte heute nicht denken, sondern einfach nur schlafen. Ich bin vormittags wach, lasse das ZDF Kinderprogramm laufen in der Gewissheit, zwischen Michel aus Lönneberga und Pippi Langstrumpf wieder einschlafen zu werden. So kommt es dann auch.

Als ich schließlich wieder so richtig aufwache, ist es schon 15 Uhr. Ich bin einerseits froh, solange geschlafen und mich darüber von Gedankenkreisen befreit zu haben, andererseits fühle mich selbstredend schlecht angesichts meiner Inaktivität, insbesondere, wenn ich auf diversen Kanälen erfahre, was Fremde und Freunde an solchen Tagen so alles unternehmen. Eine Weile denke ich darüber nach, noch eine Runde Radzufahren oder spazieren zu gehen, aber Antrieb und Lustgefühl bleiben heute gänzlich aus. Ich verbringe also weitere Stunden mit Fernsehen, gehe schließlich noch einkaufen und setze mich am späten Abend bei etwas kühleren Temperaturen eine Stunde aufs Dach, um zu lesen, bis es dafür zu dunkel geworden ist.

Wenn das Beste am Tag ist, dass der Tag vorbei ist, kann irgendwas nicht ganz stimmen, denke ich. Aber so ist es an diesen Tagen. Ich bin froh, gegen 23 Uhr ins Bett gehen zu können, mache das Licht aus, reiße alle Fenster auf und schalte irgendein Medium ein, dass Ablenkung verspricht, über der ich einschlafen werde. Für morgen Nachmittag sind Gewitter angesagt. Mal sehen, was das für die Stimmung bedeutet…

Mittwoch, 5. August 2020

Ein Hauch Zufriedenheit

Mittwoch. Es gibt sie doch noch, die mehr oder weniger ganzheitlich erfüllten und erfüllenden Tage. Schon die Fahrt mit dem Rad ins Büro am Vormittag stimmt mich heute glücklich. Die Sonne scheint, es ist warm aber nicht zu warm, ich komme fast mühelos voran und erreiche dennoch Rekordgeschwindigkeiten. Knapp unter 40 Minuten Fahrtzeit ist so eine Schallgrenze, die ich nur an den besten Tagen durchbreche.

Am Institut ist heute richtig was los, mit mir sind ca. 15 Kolleg*innen da, es fühlt sich fast schon „normal“ an. Gegen Mittag werde ich von einer Kollegin eingeladen, mich ihr und ein paar anderen  zu einer gemeinsamen Mittagspause im Innenhof anzuschließen. Da ich gerade erst angekommen bin, ist es mir noch etwas zu früh, ich verspreche aber, in einer halben Stunde nachzukommen. Die Pause ist dann richtig nett, wir berichten uns gegenseitig von den Erfahrungen der zurückliegenden Urlaubsreisen und diskutieren und spekulieren natürlich auch über die aktuelle und zukünftige Corona-Lage.

Ich erledige wieder einiges an Projektarbeit und befasse mich dabei heute vor allem damit, die Corona-bedingten Verschiebungen an allen Ecken und Enden zu berücksichtigen und weitere Pläne für die schrittweise Rückkehr zum regulären Betrieb vorzubereiten. Danach gehe ich dazu über, das Paper fertig zu lesen, das um 17 Uhr in der Methodengruppe besprochen werden soll. Das Thema des Papers ist für eine meiner Dissertationsstudien relevant und der inhaltliche Austausch in der Gruppe ist heute absolut gewinnbringend. Im Anschluss trödel ich noch ein bisschen rum, bevor ich meine Sachen packe und mich auf dem Heimweg mache.

Heute wähle ich die Strecke durch den Tiergarten und den Ku’damm entlang. Wegen der vielen Fußgängerampeln fahre ich diesen Weg sonst nur sehr selten, aber heute habe ich Lust, noch ein bisschen Sommerabendstimmung aus der City West mit nach Hause zu nehmen. Es ist einiges los und wenn an der Ampel ein Auto mit heruntergelassenen Fenstern und lauter Musik steht, bewege ich mich – soweit auf dem Rad möglich – im Takt etwas mit und freue mich über das Lachen der Autofahrer, wenn sie mich dabei ertappen.

Auf dem zweiten, dem ruhigeren Teil der Strecke, sinniere ich über eine Frage, die wir uns zuvor in der Methodengruppe alle nicht recht beantworten konnten. Mit dem Gefühl, die Antwort doch noch erdacht zu haben, trete ich zum Ende hin etwas kräftiger in die Pedale, um den Gedanken zuhause festzuhalten und ihn durch nochmaliges Nachlesen im Paper ggf. zu verifizieren. Ich vermute, dass mir das gelungen ist, versuche, das Verfahren direkt an einem kleinen Anwendungsbeispiel zu illustrieren, und schreibe nach dem Abendessen noch eine die neue Erkenntnis erklärende Mail an die Gruppe.

Die Nachrichten, die mich über die Tagesschau und das ARD extra im Anschluss über die Explosionen und die Lage in Beirut erreichen, machen mir ein ums andere Mal klar, wie gut es mir eigentlich geht. Umso mehr bin ich heute dankbar, über einen für mich „guten“ Tag, an dessen Ende ich mit Zuversicht für den morgigen und zufrieden mit mir selbst ins Bett gehen werde.