Sonntag, 10. April 2016

Sonntagsfreude - Sein

„Es geht ums Sein und nicht ums Werden.“ Noch so ein Spruch, den ich oft im Sinn habe. Dabei kann ich nicht mal eine Quelle zuordnen. Vielleicht mal irgendwo gelesen? Falls Google die Weiten des Internets zuverlässig durchsucht, dort schonmal nicht. Vielleicht aber auch nur gehört - in einem Film z.B.? Oder aber in einer der zahlreichen Therapiestunden, denen ich beisitzen durfte. Letzteres erscheint mir am wahrscheinlichsten. Vielleicht, so ganz vielleicht, stammt der Satz aber auch von mir. Die Erkenntnisse aus 100 + x Stunden tiefenpsychologischer Analyse, auf den Punkt gebracht.

Gestern habe ich über die Analogie zwischen Wetter und Emotion geschrieben (aktuell und dazu bestens passend habe ich heute diesen Cartoon entdeckt). Das Wetter als „Sein“, die Witterung als „Haben“ und das Wettergeschehen als „Werden“ und schon steht der Vergleich. Sein, Haben und Werden möchte ich heute etwas genauer betrachten. In umgekehrter Reihenfolge.

„Werden“ ist das was in unserer Gesellschaft mittlerweile einen großen Stellenwert einnimmt. Los geht es spätestens in der Schule (teilweise sogar schon viel früher, Stichwort: Frühförderung). „Kind, was soll nur aus dir werden?“ fragt Oma den 7jährigen Maxi, dessen Lehrerin ihm bescheinigt „zum wiederholten Male die Hausaufgaben vergessen“ zu haben. Und ein Jahr später dann: „Was möchtest du denn mal werden?“ Maxi sagt „Indianer“ und versteht nicht, warum Oma resigniert den Kopf schüttelt. Wir lernen, etliche Tätigkeiten und Gedanken darauf auszurichten, unser „Werden“ zu beeinflussen.

Das „Haben“ ist meist eng damit verknüpft und auch hier lernen wir oft schon früh, wie wichtig (materieller oder monetärer) Besitz ist. Die 10€, die Maxis Oma ihm für das unerwartet gute Zeugnis zusteckt, das neue Modellauto, dass er sich davon kauft oder der Lohn, den sein Vater monatlich nach harter Arbeit auf dem Konto erwartet, um sich endlich ein Motorrad zu anzuschaffen. Ist es wirklich das, was die beiden glücklich macht? Oder ist Maxi letztendlich viel zu angestrengt damit beschäftigt, das Auto vor seinem kleinen Bruder zu verteidigen, während seinem Vater bei all der Arbeit gar keine Zeit bleiben würde für die regelmäßige abendliche Motorradtour, von der er so intensiv träumt…

Warum sind wir so bedacht darauf, auf Momente hinzuarbeiten, die wir uns im Vorfeld viel zu oft viel zu anders vorstellen, als es dem tatsächlichen Erleben entsprechen würde? Warum sind wir gedanklich oft so viel mehr in der Zukunft als im Hier und Jetzt? Eine berechtigte Frage. Kindern fällt es um Längen leichter im Moment zu leben. Die Fähigkeit autobiografische Ereignisse zeitlich zu ordnen, entwickelt sich erst ab dem 8. Lebensjahr. Kausal-motivationale Kohärenz (Tun der Vergangenheit mit Resultaten bzw. Erwartungen der Zukunft zu verknüpfen) als Teil dieser zeitlichen Kohärenz entsteht im Wesentlichen zwischen dem 12. und 20. Lebensjahr. Die Kinder, die ich im Kindergarten kennen lernen durfte, konnten nichts damit anfangen, wenn man ihnen versprach den großen Hängesessel "morgen" wieder aufzuhängen. Sie konnten das Glücksgefühl, dass ihnen das Schaukeln hier und jetzt brachte, gedanklich nicht an eine Aussicht auf möglicherweise kommende Umstände koppeln und auf den folgenden Tag übertragen.


Ich habe die Erfahrung gemacht, dass echte Glücksmomente nicht planbar sind. Wenn mich das schaukeln jetzt glücklich machen würde, wer sagt, dass mir morgen dabei nicht flau im Magen oder schwindelig wird? Darüber hinaus hat ein Glücksgefühl für mich meist wenig damit zu tun, dass ich etwas „geworden“ bin oder dass ich etwas „habe“. Stattdessen kommt es kraftvoll, meistens ohne Ankündigung, oft ohne mein Zutun, manchmal sogar ohne greifbaren Grund. Immer ist es ein Gefühl des „Seins“.

So zum Beispiel Momente auf dem Fahrrad, geprägt von Entdeckung von Landschaft, Natur, Tieren, Orten, Menschen, …Oder auch meine heutige Sonntagsfreude. Seit längerem träume ich vom eigenen Gemüse- und Obstanbau, letzten Sonntag habe ich schon erwähnt, dass ich sehr spontan eingeladen wurde, in einem Schrebergarten mitzuhelfen. Heute habe ich Eimer, Schaufel und Harke in die Hand genommen und mein erstes eigenes Gemüsebeet angelegt. Völlig unbedarft, habe ich drei Stunden lang in der Erde gebuddelt, um am Ende die ersten Samen zu verteilen. Habe ich dabei an das Ergebnis gedacht? Nein, ich war so vertieft und vollkommen zufrieden mit mir selbst, dass mir der Tag und die Tätigkeit in positiver Erinnerung bleiben wird, ganz egal, ob ich in ein paar Wochen oder Monaten die Früchte meiner Arbeit ernten kann, oder nicht.


Dazu beigetragen haben viele Dinge. Die Sonnenstrahlen (womit ich die Brücke zum Wetter nochmals schlage), die Marienkäfer, Hummeln, Regenwürmer, Tausendfüßler, … die Begegnungen in und um dem Garten herum, der Weg dorthin, der Weg zurück, der Kontakt zur Erde mit Händen und Füßen. Ich bin begeistert und überzeugt vom Barfuß laufen, das habe ich bereits in meinem ersten Blogartikel erwähnt und auch der Titel des Blogs ist letztlich darauf zurückzuführen. Die Freude heute barfuß in der Erde herum zu stapfen war doppelt so groß wie ich vorher dachte und die Füße waren danach auch nur halb so dreckig wie meine Mutter im Vorfeld sicherlich befürchtet hätte. Meine Gedanken zu Werden/Haben und vor allem Sein teile ich gerne nicht nur als Freude sondern auch als Inspiration. Und an Morgen denke ich heute sicher nicht mehr!

Kommentare:

  1. Liebe Sarh, es freut mich wirklich sehr, dass du neu dabei bist!
    Vielen lieben Dank!!!
    ABER: es ist nur EIN BILD bei meiner LinkParty erlaubt. Sprich: dein Blogpost darf nur ein einziges inspirierendes Bild enthalten! Das ist das Besondere am Sunday Inspiration. Bitte sei mir nicht böse, aber ich muss deinen Link leider löschen, damit es für alle gerecht ist.
    Ich würde mich jedoch sehr freuen, wenn du nächsten Sonntag mit nur einem Bild dabei wärst!

    Ganz liebe Grüße
    Ines

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    1. Hallo Ines, entschuldige, da habe ich die Regeln tatsächlich übersehen! Kein Problem, ich klicke mich noch durch die anderen Beiträge und lasse mich für den nächsten Sonntag inspirieren :-)
      LG Sarah

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  2. Vieles zu Haben und Sein findest du bei Erich Fromm.

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