Sonntag, 1. März 2015

Dem Alltag entfliehen

ist etwas, das mir derzeit unheimlich schwer fällt. Ein vermutlich ganz entscheidender Aspekt meiner psychischen Probleme geht mit ausgeprägtem Streben nach Kontrolle, Sicherheit und klaren Tagesabläufen einher. Schon der Gedanke daran, die Kaffeepause am Mittag eine halbe Stunde früher oder später stattfinden zu lassen, weil nachmittags eine Verabredung oder ein Termin ansteht, ist für mich stressig und beschäftigt mich im Vorfeld umso mehr, je mehr Tage vorher nach festem Schema abgelaufen sind.


Kontrolle zählt nach einer verbreiteten und anerkannten Theorie neben Bindung, Selbstwerterhöhung und Lustgewinn zu den vier emotionalen Grundbedürfnissen des Menschen. Insofern sollte ein gewisses Ausmaß an Sicherheitsstreben wohl erstmal nicht ungewöhnlich oder negativ sein. Problematisch wird die ganze Geschichte erst, wenn ein Grundbedürfnis insbesondere aufgrund Unbefriedigung anderer so stark in den Vordergrund rückt, dass einerseits die Wahrscheinlichkeit des Befriedigens der unbefriedigten immens sinkt und andererseits die extensive Konzentration auf das vordergründige in dysfunktionalem Handeln oder Verhalten resultiert. Ist der Mensch nicht mehr in der Lage sich von ebendiesem zu befreien, steckt er aus psychologischer Sicht in einer Lebensfalle.

Ich habe keine konkrete Vorstellung davon, wie mein Alltag in der Klinik aussehen wird und das ist vielleicht auch ganz gut. Aber in irgendeiner Weise wird das Ziel des Meisterns der Lebensfalle verfolgt werden und hier rät die Theorie sich einen Moment der Ruhe zu gönnen, sich zu sortieren und sich von ungesunden, festgefahrenen Bewältigungsmechanismen zu lösen. Und dann hinter diese Strategien zu schauen, die Ursachen zu entschlüsseln, herauszufinden welche Grundbedürfnisse in welcher Form relevant sind, flexibler in der Art und Weise ihrer Befriedigung werden und vor allem bei Einfachem anfangen, um in kleinen Schritten irgendwann das grundlegende Ziel zu erreichen.

Dass ich damit meinem derzeitigen, von unzähligen absurden Zwängen, Kontrollmechanismen und dadurch relativ wenig Spontaneität, Flexibilität und letztlich Lebensfreude geprägtem Alltag entfliehen muss ist offensichtlich. Aber genau das will ich mittlerweile und notwendig wird es ohnehin, wenn der derzeitige (Arbeits-)Alltag mit Beenden der Arbeit innerhalb der nächsten Tage in sich zusammenbricht. Ich glaube „bei Null“ anfangen ist eine große Chance und auch wenn vor allem ersteres sicherlich keine meiner Stärken ist versuche ich ganz spontan und offen zu sein für alles was kommt. Denn das ist bestimmt früh genug wieder eine Form von „Alltag“, bei dem es gilt sich regelmäßig daran zu erinnern, wie gut es tun kann diesem doch gelegentlich einfach mal zu entfliehen.

Den Beitrag verlinke ich heute beim Fotoprojekt „Beauty Is Where You Find It“ für den Monat Februar, wo wirklich einige schöne Gedanken und Bilder zum Thema „dem Alltag entfliehen“ zusammen gekommen sind und als Rückblick auf die Mittagspausen der letzten Woche und positiven Ausblick auf die nächste auch bei den Sonntagsfreuden.

Kommentare:

  1. Was soll ich sagen.
    Ich bin nicht allein.
    Aber das wusste ich schon.
    Es geht weiter! Schwer, aber es geht.
    Und irgendwann erkennst du die kleinen Dinge, die jetzt unsichtbar sind.
    Aber es ist und bleibt schwer.
    Sehr schwer!
    Regina

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  2. Ich bewundere immer wieder, wie offen und ehrlich Du über Dich und Deine Krankheit schreibst. Ein so hohes Maß an Selbstreflexion und Willensstärke ist wirklich inspirierend. Ich wünsche Dir nur das Beste und ich freue mich, über Deinen Weg hier mitlesen zu können!
    alles liebe,
    frederike

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  3. Hallo Sarah,
    nun war ich mal ein wenig auf deinem Blog. Du bist ganz schön kreativ. Und Pullis kannst du nähen, da bleibt mir der Mund offen stehen. Mit Wolle komme ich nämlich richtig gut zurecht, mit der Nähmaschine gar nicht.
    Das Solar-Glas-Lampe ist ja mal so was von genial!
    Und ansonsten schreibst du so was von ehrlich und offen über dich, da gehört echt was dazu.

    Liebe Grüße von
    Christine

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